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Bischof Wiesemann: “Der Mensch ist nicht Herr über Leben und Tod”

25. Dezember 2012

Einen versöhnten Umgang mit Grenzen stellte Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann in den Mittelpunkt seiner Predigt am heutigen ersten Weihnachtsfeiertag. Der Mensch sei in ständiger Versuchung zum Aufstand gegen sich selbst und gegen die ihm gesetzten Grenzen. „Der mit sich selbst unversöhnte Mensch, der sich zum Herrn über die Schöpfung und zum Herrn über Leben und Tod macht, ist die eigentliche Quelle des Unfriedens.“ Das zeige sich besonders im Umgang mit dem Sterben. An dem Gesetzesentwurf der Bundesregierung, der die gewerbliche Beihilfe zum Suizid unter Strafe stellen will, kritisierte er die mangelnde „eindeutige Absage an die organisierte Sterbehilfe“. Schwerkranke Menschen bräuchten Beistand im Leben, nicht Mitwirkung am Sterben. Der Friede von Weihnachten könne in die Welt nur einkehren, wenn der Mensch die Grenzen annehme, die gesetzt sind. „Und deren erste ist: Der Mensch ist nicht Herr über Leben und Tod.“ Im Blick auf die Bewahrung der Schöpfung erinnerte Bischof Wiesemann an die Forderung von Papst Benedikt XVI. nach einer „Ökologie des Menschen“. Im Hinhören auf die Schöpfung sei es überlebenswichtig, dass sich der Mensch mit seinen Grenzen versöhnt:

Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Weihnachtsgeschichte – ein Weihnachtsmärchen, ein Traum der Menschheit? Was wir zu diesem Fest Jahr für Jahr hören, mutet wie eine Hollywood-Inszenierung an: Der, dem alles gehört, steigt hinab, entkleidet sich seiner Macht und seines Ansehens und macht sich den Geringen und Ohnmächtigen gleich.

Cur Deus homo – Warum nur wurde Gott Mensch? Immer wieder hat Menschen diese Frage berührt in gläubiger Ergriffenheit wie auch in Staunen und Zweifel. Warum nur geht der ewige Gott dieses Wagnis ein, warum macht er sich ohnmächtig und schwach als Kind in der Krippe, verletzlich und tödlich überwindbar als Mann der Schmerzen? Warum setzt Gott uns, warum setzt er sich dieser Irritation aus, nicht der starke, unsterbliche, unüberwindliche Gott zu sein? Warum spielt er mit der abgründigen Möglichkeit, sich der Lächerlichkeit einer Welt preiszugeben, in der die Starken und Mächtigen die Maßstäbe für alles setzen?

In den „philosophischen Brocken“ versucht der dänische Gelehrte Sören Kierkegaard diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, indem er folgende Überlegung anstellt: Wie kann ein mächtiger König die Liebe eines armen Mädchens gewinnen? Wird sie ihn nur wegen seines Reichtums lieben – oder um seiner selbst willen? Und Kierkegaard meint, der König befinde sich in einer paradoxen Situation: Er kann die Liebe des Mädchens nur gewinnen, wenn er sich auf gleiche Ebene mit ihr, auf Augenhöhe begibt. Dafür aber muss er all seine Macht und Herrlichkeit ablegen und sich in die Gestalt des Knechtes kleiden. Das für einen irdischen König unlösbare Problem aber bestehe darin: Er darf die Wirklichkeit des Knechtes nicht nur zum Schein annehmen und sein Geheimnis nicht auflösen, weil sich nur so die Ernsthaftigkeit der Liebe erweist. Er darf sich nicht nur „verkleiden“, er muss es wirklich sein. Er muss das volle Wagnis eingehen, den ganzen Preis bezahlen: die Aufgabe seines irdischen Königtums. Hier setzt der radikale Denker Kierkegaard die Grenzlinie, sozusagen die Grenze zu „Hollywood“, zum Märchen, zur Traumhochzeit.1

Der wohl älteste Hymnus der Christenheit zeigt, wie sehr den ersten Christen dieses Geheimnis unter die Haut gegangen ist: „Christus Jesus war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen.“ (Phil 2, 6-7)

Mit diesem einfachen Satz „Sein Leben war das eines Menschen“ ist alles ausgedrückt: alle erfahrenen, erlittenen Grenzen, die uns das irdische Leben setzt und die Gott in seiner Menschwerdung restlos annimmt „gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“ (Phil 2,8) Schon am Anfang wird er ausgegrenzt und unter freiem Himmel in einem Stall geboren. Und unmittelbar danach ist er mit seiner Mutter auf der Flucht vor den Schergen des Herodes. Er wächst auf in Nazareth und wird sogleich in seiner Heimat abgelehnt (vgl. Lk 4,16-30). Unzählige Menschen, vor allem Schwache und Kranke, drängen zu ihm hin, aber in ihm wächst Tag für Tag die Gewissheit, „der Menschensohn müsse vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohenpriestern und Schriftgelehrten verworfen werden.“ (Mk 8,31) Er wird in die Enge getrieben und schließlich ans Kreuz genagelt.

Die Evangelien, die uns Geburt, Kindheit und öffentliches Leben und Auftreten Jesu Christi vermitteln, haben weder romantische noch illusorische Züge. Hier wird ein Mann gezeichnet, dessen ganzes Inneres erfüllt ist von der Gewissheit der Gottesherrschaft, der unmittelbaren Nähe des Reiches Gottes – und doch kommt er ständig an Grenzen bis hin zur totalen Grenzerfahrung letzter Einsamkeit des Gebetes auf dem Ölberg und der Stunden bis zur Hinrichtung. Er ist ein König, aber nicht von dieser Welt. Auch im letzten Augenblick, im letzten Atemzug kann er sein Geheimnis nicht auflösen. Es wird ihm selbst zur Warum-Frage: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46) Und auch die Auferstehungsberichte bringen nicht ein einfaches „Happy end“ à la „Hollywood“, keinen Märchentraum, in dem sich die Dinge wundersam auflösen. Wenn jetzt wieder eine solche romantisch-erotische Komödie unter dem Titel „Jesus liebt mich“ in unsere Kinos kommt, dann lohnt ein nüchterner Blick ins Evangelium. Ja, Maria Magdalena hat diesen Jesus geliebt, wie nur eine Frau lieben kann. Sie will ihn festhalten, ihn in ihr irdisches Leben hineinziehen, zurückholen, die Todesgrenze auflösen. Genau das aber geschieht nicht: „Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zu meinem Vater hinaufgegangen.“ (Joh 20,17) Kein Wunschtraum dieser Welt, nur der Glaube kann die Grenze vom Tod ins Leben überschreiten.

Cur Deus homo – Warum lässt sich Gott radikal auf die Grenzen seiner Schöpfung ein? Warum sprengt er sie nicht, löst sie nicht auf? Warum nimmt er sie als sein Fleisch an, warum nimmt er sie als Joch und Kreuz auf seine Schultern? Warum löst er die Warum-Frage der Menschen nicht auf, die Theodizee, die Frage nach dem Sinn der leidvoll erfahrenen Grenzen? Warum bricht er in das Tabu, das wir die Todesgrenze nicht selbst bestimmen können und dürfen, nicht ein? Warum gibt er seinen Sohn in diese tödlich verwundete Welt? Warum macht er sich dadurch selbst angreifbar: als zynischer Gott, der statt zu handeln, entsetzliches Leiden in Kauf nimmt, als schwächlicher Gott, dessen Wirkungslosigkeit evident wird? Warum lässt er solche abgründigen Fragen selbst in den Herzen seiner Gläubigen zu?

Der mittelalterliche Bischof und Theologe Anselm von Canterbury hat versucht, die Frage „Warum Gott Mensch wurde“ so zu beantworten, dass die Vernünftigkeit des christlichen Glaubens deutlich wird. Die Summe der Schuld, in die die Menschheit geraten ist, erweist sich danach als so hoch, dass sie sich selbst nicht daraus befreien kann. Es braucht sozusagen einen anderen, einen göttlichen Rettungsschirm, der mit der baren Münze der Menschwerdung Gottes und des Leidensweges des Gottessohnes gedeckt ist. Also: Eine Reparations- und Satisfaktionsleistung, die die Heilsökonomie wieder ins Lot bringt und einen Neuanfang mit göttlicher Rückendeckung ermöglicht. Sein Antwortversuch hat etwas davon, wie man uns heute die Vernünftigkeit des europäischen Rettungsschirmes erklärt. Wir sehen, dass schon im Mittelalter die ökonomischen Argumente als die plausibelsten angesehen wurden.

Und doch weiß die Vernunft, dass mit dem Aufrechnen und Begleichen von Schuld alleine noch keine Besserung eintritt. Es braucht etwas, das mehr ist als Vernunft. Etwas, das nicht gegen die Vernunft, aber über alle Vernunft ist. Im politischen Bereich würden wir sagen: Es braucht Solidarität. Und Solidarität setzt Vertrauen voraus. Was aber, wenn Vertrauen immer wieder enttäuscht wird?

Warum liebt Gott diese Welt so sehr, dass er seinen einzigen Sohn dahingibt? (vgl. Joh 3,16) Die Antwort ist so gewagt wie das Wagnis Gottes selber mit seiner abgründigen Möglichkeit, missverstanden zu werden auf dieser Gradwanderung zwischen Zynismus, Verzweiflung und Lächerlichkeit. Dieser Gott liebt die in ihrer Schönheit zerbrechliche, diese begrenzte und nicht selten so elend verstörte Schöpfung um ihrer selbst willen mit einer „amour fou“, einer Liebe, die über alle Vernunft ist. Aus solcher „amour fou“ sendet Gott seinen Sohn, „damit er in uns lieben kann, was er in seinem eigenen Sohn geliebt hat.“2 Er liebt dieses dem Tode vom ersten Atemzug an verfallene Geschöpf Mensch; er liebt – und hier beginnt die Gradwanderung – uns in unseren Grenzen, Schwächen, in unserer Leiblichkeit, so wie wir sind, mit der „Zufälligkeit“ unseres Gesichtes und Lebenslaufes. Er liebt uns selbst in unserer Wankelmütigkeit und unserem Versagen. Er liebt dieses anmutige und hinfällige Geschöpf über alles andere, über die Engel und die ganze reine Welt des Geistes hinaus.

Wie viele Menschen können sich selbst, ihre Grenzen nicht annehmen? Wie schwer ist es für den Menschen, sich selbst zu lieben – sich selbst, nicht ein Bild von sich: ein minderwertiges oder ein überzogenes! Hier ist die Quelle allen Unfriedens: die Demütigung des Zu-wenig und die Gier des Nie-genug. Der Mensch ist in ständiger Versuchung zum Aufstand gegen sich selbst, gegen die ihm gesetzten Grenzen. Das hat ihn allen anderen gegenüber überlegen gemacht. Aber auch bedrohlich, weil er als einziges Geschöpf in der Lage ist, seine eigene Welt zu vernichten. Als der Club of Rome zu Beginn der 70er Jahre von den „Grenzen des Wachstums“ sprach, hatte er diese Bedrohung unmittelbar vor Augen. Als Papst Benedikt vor dem Deutschen Bundestag im letzten Jahr davon sprach, dass es auch eine „Ökologie des Menschen“ brauche, der seine Grenzen anzunehmen bereit sei im Hinhören auf die Schöpfung, im Vernehmen ihrer Wirklichkeit, da wusste er, wie überlebenswichtig es ist, dass der Mensch sich mit seinen Grenzen versöhnt. Nur so kann er in sich lieben, was Gott in ihm aus Liebe geschaffen hat. Der mit sich selbst unversöhnte Mensch, der sich zum Herrn über die Schöpfung, zum Herrn über Leben und Tod macht, ist die eigentliche Quelle des Unfriedens. Dabei darf man natürlich nicht verkennen, dass so manches in diesem Bereich nicht aus Überheblichkeit, sondern auch aus Verzweiflung geschieht: aus Verzweiflung am Elend der leidenden Schöpfung. Aber Verzweiflung, so sehr man mitfühlen kann, ist nie eine Form der Liebe. Das ist die Gradwanderung Gottes in seiner Menschwerdung: dass er die Liebe durchträgt bis ins Letzte und uns so Würde gibt.

Wenn jetzt etwa in einem in Windeseile eingebrachten Gesetzesentwurf die Bundesregierung die gewerbliche Beihilfe zum Suizid unter Strafe stellen will, dann bedeutet das keine eindeutige Absage an die organisierte Sterbehilfe. Schon ändern Sterbehilf-Organisationen ihre Satzungen, um vom neuen Gesetz gedeckt ihr Ziel auch weiterhin verfolgen zu können. Was die Menschen aber brauchen, ist Beistand im Leben, nicht Mitwirkung am Sterben. Der Friede von Weihnachten kann in unsere Welt nur einkehren, wenn der Mensch – und der Gesetzgeber dabei als erster – die Grenzen eindeutig annimmt, die gesetzt sind. Und deren erste ist: Der Mensch ist nicht Herr über Leben und Tod.

Weihnachten, liebe Schwestern und Brüder, beginnt das große Versöhnungsprojekt Gottes in einer „amour fou“, in einer Liebe über alle Vernunft, die uns Tag für Tag ein bisschen fähiger machen will, unserer Welt, uns und unserem Schicksal, unseren Nächsten und selbst unseren Feinden versöhnter zu begegnen. Warum wird Gott Mensch? Damit die Liebe, die den Menschen auch und gerade in seiner Schwachheit liebt und die ihm Würde gibt, im Leben wie im Sterben das letzte Wort hat.

Amen.

Quelle:
Bischöfliches Ordinariat - Speyer

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