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Interview mit dem luxemburgischen Gesundheitsminister Mars di Bartolomeo

30. Oktober 2012
Mars Di Bartolomeo

Laut einer aktuellen Umfrage stieg in Europa die Lebenserwartung innerhalb der letzten 50 Jahre stark an – in Luxemburg um 11 Jahre. Bei der Zahl der gesunden Lebensjahre ab 65 liegt Luxemburg nunmehr auf Platz zwei hinter Island. Um eine effiziente und gut erreichbare stationäre Versorgung des Landes aufrecht zu erhalten, ist das Großherzogtum in drei Régions Hospitalières aufgeteilt, in denen die Grundversorgung und auch die Notfalldienste organisiert sind. In einem Interview gegenüber Saar Report unterstrich nun Gesundheitsminister Mars Di Bartolomeo die aktuellen Reformvohaben im luxemburgischen Gesundheits-und Sozialsystem:

Dieter J. Maier:

Luxemburg ist bezüglich der medizinischen Versorgung mit 151 Einwohnern je Bett verhältnismäßig gut ausgestattet, wird jedoch in der Großregion noch vom Saarland übertroffen. In welcher Hinsicht sehen Sie als Gesundheitsminister punktuelle Verbesserungsnotwendigkeiten hinsichtlich der medizinischen Versorgung und Studiumsmöglichkeiten?

Sozialminister Mars di Bartolomeo:

In Luxemburg kann kein vollständiges Medizinstudium absolviert werden, ein Teil des Studiums muss auf jeden Fall im Ausland abgelegt werden. Es wurden daher Kooperationsvereinbarungen mit verschiedenen ausländischen Universitäten getroffen, die die luxemburgischen Medizinstudenten nach dem ersten Jahr aufnehmen. Zahlreiche Kooperationen von luxemburgischen Krankenhäusern mit Universitäten in den Nachbarstaaten verzahnen Lehre und praktische Ausbildung. Dennoch kann in Luxemburg der Bedarf an Medizinern ohne weiteres gedeckt werden. Die guten Arbeitsbedingungen und Verdienstmöglichkeiten ziehen ausländische Ärzte und Pflegekräfte an, die inzwischen knapp die Hälfte des medizinischen Personals stellen (2007). Viele von Ihnen kommen als Pendler aus den angrenzenden Räumen der Großregion, so sind knapp 20% der Ärzte nicht ortsansässig.

Dieter J. Maier:

Luxemburgs Gesundheitswesen ist in vielen Bereichen Weltspitze. Besteht hier aus Ihrer Sicht in einigen Dingen dringender Nachholbedarf ?

Sozialminister Mars di Bartolomeo:

Ja und Nein. Das Großherzogtum Luxemburg verfügt über 1 355 Ärzte – davon 426 Allgemeinmediziner – die einer Anzahl von 289 Ärzten je 100 000 Einwohner entsprechen. Dies ist die niedrigste Dichte in der Großregion, der Wert des Spitzenreiters Saarland liegt hier um ein Drittel höher. Die Mediziner, und darunter insbesondere die Fachärzte, sind ungleichmäßig über das Großherzogtum verteilt. Entsprechend der Bevölkerungsverteilung ist die Dichte im Süden höher als im dünn besiedelten Norden. Speziell bei den Fachärzten ist eine extrem hohe Dichte in der Hauptstadt des Landes festzustellen.

Dieter J. Maier:

Können Sie das luxemburgische Gesundheitssystem in diesem Punkt explizieter erläutern?

Sozialminister Mars di Bartolomeo :

Das luxemburgische Gesundheitssystem basiert auf Rückerstattung, das heißt, Die Patienten müssen alle Quittungen von ärztlichen Beratungen, Behandlungen, und Arzneimitteln bei ihrer Krankenkasse einreichen, um sie dann zu dem jeweiligen Prozentsatz (dieser variiert von 80 bis 100%) erstattet zu bekommen. Bei einer Krankheit gilt, dass die erste ärztliche Beratung zu 80% und darauf folgende Behandlungen innerhalb der nächsten 28 Tage zu 95% rückerstattet werden. Rezepte werden normalerweise zu 78% erstattet, auch wenn es eigentlich vier Kategorien für verschiedene Rezepte gibt, deren Rückerstattungsgrad von 0 bis 100% reicht.

Dieter J. Maier:

Welche politischen und sozialen Reformen werden in Zukunft im europäischen Bildungssystem unternommen, um auch die fachgrechte Ausbildung im medizinischen Bereich weiterhin zu gewährleisten?

Sozialminister Mars di Bartolomeo :

Angesichts der Herausforderungen sind die politischen Maßnahmen insbesondere in der EU darauf ausgerichtet sicherzustellen, dass alle jungen Menschen in Europa die erforderlichen Mittel und Möglichkeiten haben, um ihr volles Potenzial auszuschöpfen und ihre Lebensperspektive zu erweitern. Der Europäische Sozialfond hat Millionen Jugendliche unterstützt und wird dies im Hinblick auf die Erreichung der in der EU – Strategie 2020 für Wachstum und Beschäftigung formulierten Ziele auch weiterhin tun. Trotz deutlicher Fortschritte gibt es nach wie vor viel zu tun. 2008 waren 20% der unter 17-jährigen  (19 Millionen Menschen) von Armut bedroht. 2009 haben 14,4% der 18-24 jährigen das Schulsystem mit maximal einer Sekundar 1-Abschluss verlassen, ohne im Anschluss eine weiterführende Schule zu besuchen oder eine Ausbildung zu machen. 2010 lag die durchschnittliche Arbeitslosenquote bei Jugendlichen zwischen 15-24 Jahren bei über 20%. Damit ist diese Quote im Vergleich zur Arbeitslosigkeit der gesamten Erwerbsbevölkerung mehr als doppelt so hoch.

Dieter J. Maier:

Vielen Dank für das Gespräch.

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