" Die innere Einstellung des Patienten hat einen großen Einfluss auf den Heilungsprozess"

Interview mit José Carreras

7. Juni 2012
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Foto: Deutsche José Carreras Leukämie-Stiftung e.V.

Seit Beginn der 1970er Jahre zählt Jose Carreras neben Placido Domingo und Luciano Pavarotti zu den bekanntesten Tenören der Welt. Mit seiner unverwechselbaren Stimme und seinen überzeugenden Opern-Interpretationen vollzog der katalanische Sänger eine atemberaubende Karriere im internationalen Musiktheater. Aber auch das weltweite Engagement des sympathischen Spaniers im Kampf gegen die Leukämie ist mittlerweile zu seiner Lebensaufgabe geworden, insbesondere der Wunsch, dass Leukämie heilbar wird – immer und für jeden. In einem exklusiven Interview äußerte sich Jose Carreras gegenüber Saar Report u.a. über Arbeit und Erfolge seiner Stiftung und die schönsten Momente in seiner Karriere.

Dieter J. Maier:

Senor Carreras, Sie gründeten 1995 die nach Ihnen benannte Stiftung aus Dankbarkeit, dass Sie von einer schweren Leukämie-Erkrankung geheilt werden konnten. Was würden Sie persönlich Menschen raten, die wie Sie damals, mitten im Leben stehend, von der Diagnose Leukämie erfahren?

José Carreras:

Ich glaube fest daran, dass die innere Einstellung des Patienten einen großen Einfluss auf den Heilungsprozess hat. Wenn wir die Krankheit besiegen wollen, dürfen wir einfach niemals aufgeben. Ich selbst habe immer gedacht, selbst wenn die Chance nur eins zu einer Million ist – das ist meine Chance, für die ich kämpfen muss. Das sage ich auch den Patienten, die ich in den Kliniken kennenlerne. Es bedeutet mir sehr viel, wenn ich aktuell Betroffenen mit meiner Stiftungsarbeit, mit meiner Musik und auch mit meiner eigenen Krankheitsgeschichte ein wenig Hoffnung und Kraft geben kann. Wenn ich ihren Glauben daran stärken kann, dass sie es schaffen werden. Und viel wichtiger als Worte ist doch, dass die Patienten sehen: Da steht jemand vor mir, der das Gleiche wie ich durchmachen musste. Er hat die Krankheit besiegt und ist in sein altes Leben zurückgekehrt.

Dieter J. Maier:

Hat sich Ihre Einstellung zum Leben und zum Erfolg seit Ihrer Genesung grundlegend verändert?

José Carreras:

Ich denke, alle Menschen haben eine sehr ähnliche Lebensphilosophie. Wir streben danach, glücklich zu sein. Jeder auf seine eigene Art, jeder auf einem anderen Weg. Aber ich glaube, das Streben nach Glück ist den meisten von uns gemein. Und das ist auch meine Lebensphilosophie, besonders seitdem ich die Leukämie überwunden habe: so glücklich wie möglich zu sein und das Glück jeden Tag aufs Neue zu finden.

Dieter J. Maier:

Warum haben gaben Sie 2009 Ihren Rückzug von der Opernbühne bekannt?

Jose Carreras:

Ganze Opernabende für mich heute mit zuviel Anstrengung verbunden, so dass ich diesbezüglich kürzer treten muss. Konzerte werde ich aber weiterhin geben, wenn sie an meine Bedürfnisse angepasst sind, ist das kein Problem. Ich bin aber mit viel zu viel Leidenschaft Sänger, um mich gänzlich von der Bühne zurückzuziehen. Und so lange diese Leidenschaft anhält, werde ich weiter machen.

ehrendoktorwurde-fur-jose-carreras-025Dieter J. Maier:

Welchen Rat würden Sie auf Grund Ihrer weitreichenden Erfahrung einem jungen Sänger heute geben?

José Carreras:

Ich würde ihn zuerst einmal fragen,  ob er bereit ist, genügend Selbstdisziplin für diesen Beruf aufbringen. Allerdings nur dann, wenn er auch vollkommen davon überzeugt ist, dass er sich sein Leben ohne  Singen nicht mehr vorstellen kann. Disziplin und persönliche Überzeugung  ist für mich die unverzichtbare Basis, um ein bestimmtes künstlerisches Niveau erreichen zu können. Viele wunderbare Stimmen sind leider verloren gegangen, gerade weil Sänger nicht genug Disziplin hatten.

Dieter J. Maier:

Was waren für Sie die schönsten Momente Ihrer gesanglichen Laufbahn ?

José Carreras:

Es gab viele schöne Momente in meiner Karriere. Dazu zählen vor allem meine Debüts an weltbekannten Opernhäusern, wie der Mailänder Scala, an der Wiener Oper, am Covent Garden in London und an der Met in New York. Aber auch die großen Musikfestivals wie die Salzburger Festspiele und die Begegnungen mit großartigen Dirigenten wie Herbert von Karajan, Leonard Bernstein und Claudio Abbato gehören zu den schönen Erinnerungen in meinem Leben, die ich niemals vergessen werde und die meine Karriere nachhaltig beeinflusst haben. Ich denke, dass sich langfristig Talent, Disziplin, Ernsthaftigkeit im Beruf und Professionalität auszahlt. Je nach dem wie viel Talent und stimmliche Qualität ein Künstler hat, wird sein künstlerischer Aufstieg schneller oder langsamer verlaufen – aber ich glaube, dass Proffesionalität und Ausdauer sich immer auszahlen werden.

Dieter J. Maier:

Was möchten Sie in Ihrem Leben musikalisch und persönlich noch erreichen?

José Carreras:

Die Arbeit für die José Carreras Leukämie-Stiftung hat in großem Maße dazu beigetragen, meinem Leben einen Sinn zu geben. Dank der Solidarität tausender Menschen in Deutschland konnten wir durch den Aufbau mehrerer Transplantationseinheiten erreichen, dass heute kein Leukämiepatient mehr auf die oft lebenswichtige Knochenmarktransplantation warten muss. Durch Fortschritte in der medizinischen Forschung verbessern sich die Heilungsraten kontinuierlich. Außerdem konnten wir wesentlich dazu beitragen, die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Die Bilanz unserer Arbeit ist zweifellos sehr positiv – aber unser Ziel haben wir noch nicht erreicht: Leukämie muss heilbar werden, immer und bei jedem. Das ist – bezogen auf die Arbeit für die Stiftung – mein größter Traum. Für mich selbst gesprochen ist mein größter Wunsch, dass die Meinen all ihre Ziele im Leben erreichen, und dass sie einfach glücklich sind.

Foto (Mitte) zum Vergrößern anklicken

Die Redaktion Saar Report bedankt sich bei der Jose Carreras Stiftung München für die freundliche Unterstützung.

Quelle:
Dieter J. Maier

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