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Günter Wallraff – Hommage an einen Unbequemen

guenter_wallraffKein deutscher Journalist hat mehr Missstände aufgedeckt als Günter Wallraff.  Als „Bild“-Reporter Hans Esser brachte er die dubiosen Praktiken von Deutschlands größter Boulevard-Zeitung ans Licht, als Türke Ali zeigte er, wie man als Gast- und Leiharbeiter in Deutschland „ganz unten“ lebt und deckte  in der Welt der Callcenter die menschenverachtenden Arbeitsbedingungen auf, mit der  Mitarbeiter über die Grenzen der Legalität hinaus gnadenlos ausgebeutet werden. Doch so unfassbar diese Skandal-Recherchen auf den ersten Blick auch sein mögen, durch die Veröffentlichungen gelang es Günter Wallraff wenigstens zum Teil, die vorgefundenen, kathastophalen Umstände  zum Positiven zu verändern. Der Autor selbst macht in seinen Beiträgen keinen Hehl aus der Sinnhaftigkeit, dass die Verbraucher und Kunden des Konzerns mit Boykott-Drohungen positiv auf  die Arbeitsbedingungen bei Lidl & Co einwirken können.

Gerade deshalb ist die Frage, die Wallraff in seinen Reportagen aufgreift, ob man man z.B. unbeschwert Produkte kaufen, geschweige denn genießen kann, wenn man weiß, unter welchen rechtswidrigen Umständen das Ergebnis erzielt wurde, von höchster, wenn auch leider negativer Aktualität. Auch die von Wallraff beschriebenen unfassbaren Vorgänge von Ausbeutung  in der Welt der Arbeitnehmerüberlassungen sind kein Einzelfall. Im Gegenteil: Es scheint, als würde das bisherige Verhaltensmuster von “Augen zu oder wegschauen” von der Gesellschaft vollständig akzeptiert werden. Dabei steht es außer Frage, dass Qualität und Service nur mit harter Arbeit erlangt werden können, allerdings gibt es verschiedene Möglichkeiten diesen Weg zu beschreiten. Besonders unverständlich an Wallraffs Aufdeckungen ist die Tatsache, dass die Justiz in vielen Fällen kaum ein Interesse an einer vollständigen Aufarbeitung der Umstände zu haben scheint und die Ermittlungen gegen die Betreiber oft mit einer Geldzahlung beispielsweise an gemeinnützige Einrichtung eingestellt werden.

In Deutschland recherchiert Wallraff seit Mai 2007 für das wiederbelebte Zeit-Magazin „Leben“. Bei den Recherchen für die erste Reportage dieser Reihe verkaufte er in einem Call-Center der Firma CallOn im Direktvertrieb Systemlotto-Scheine der Firma LottoTeam. Wallraff berichtete über die dort und in einem Call-Center der Firma ZIU-International angewandten Methoden und kritisierte neben einer Belästigung der Angerufenen eine Fehlinformation der Mitarbeiter, systematische Verstöße gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb und Versuche, Vertragsabschlüsse durch wahrheitswidrige Behauptungen und Einschüchterung der Angerufenen zu erzwingen. Im Januar und Februar 2009 recherchierte Wallraff in Obdachlosenunterkünften u.a. in Köln, Frankfurt (Main) und Hannover und machte selbst „Platte“, um die Lebensbedingungen von Menschen ohne festen Wohnsitz zu untersuchen. Dabei deckte er zahlreiche Missstände in den Heimen auf: Manche würden nachts von innen verschlossen, es herrsche ein Klima von Angst und Gewalt und es mangele an Betreuungspersonal. Günter Wallraff selbst sieht Obdachlosigkeit als in der Wirtschaftskrise zunehmend zentrales Thema an, das bald jeden treffen könne.

Im Herbst 2009 erschien Günter Wallraffs erster Kinofilm, eine Undercover-Reportage, mit der er sich diesmal mit Hilfe einer Maskenbildnerin zu dunkler Hautfarbe verhelfen ließ, um monatelang  mit einem Kamerateam quer durch Deutschland den offenen Rassismus kennenzulernen. Allerdings befördern die mit extremen Weitwinkeln und matten Kontrasten gelieferten Bilder, den Zuschauer viel zu schnell in eine Art von visuellem Schleudertrauma. Dennoch sind die Verdienste von Günter Wallraff groß. Jahrzehnte lang hat der gelernte Buchhändler nicht nur der deutschen Öffentlichkeit bisher vorgeführt, wie Gastarbeiter, Arbeitsuchende, Leiharbeiter und Obdachlose bis heute diskriminiert und psychisch misshandelt werden. Gerade deshalb erscheinen auch seine vielbeachteten Recherchen als verdienstvolle Missionen, die herausfinden, wie es sich als “Außenseiter” in Deutschland lebt. Gerade auch in seinen Filmepisoden und Reportagen bringt Günter Wallraff seine Erfahrungsberichte über Missstände in Deutschland auf einen Punkt und macht sich auf, diese selbst zu erleben. Eins bleibt trotz aller Dekadenz von Bankern, dubiosen Firmenbossen und modernen “Sklavenhändlern” sicher: Der König ist Kunde. Und wenn der Kunde einen solchen Umgang mit den Mitarbeitern, Auszubildenden und mit sich selbst nicht mehr duldet, werden sich höchstwahrscheinlich auch bisher ignorierte Missstände sehr schnell ändern.

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Text, Videoaufnahme und Foto:

Dieter J. Maier

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