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"Ich blicke mit großer Freude zurück"

Interview mit Karl Kardinal Lehmann

24. Mai 2011
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Foto: Dieter J. Maier

Er ist neben dem Papst der wohl bekannteste deutsche Kirchenvertreter: Karl Kardinal Lehmann, der am 16. Mai seinen 75. Geburtstag feiern konnte. Doch trotz gesundheitlicher Einschränkungen denkt der Mainzer Bischoff noch lange nicht ans Aufhören und bezieht weiter Stellung zu wichtigen Fragen in der Kirche. Anlässlich seines Besuchs mit Bundespräsident Christian Wulff in Worms, sprach Kardinal Lehmann mit Saar-Report über seine Aufgaben als Bischof von Mainz, den Gewinn den deutschen Einheit und über die Aufgaben der katholischen Kirche in der heutigen Zeit.

Dieter J. Maier:

Eminenz, wie haben Sie Ihren 75. Geburtstag persönlich erlebt?

Kardinal Lehmann:

Ich blicke heute mit großer Freude auf die vergangenen  Jahre zurück und bin sehr dankbar für die große Unterstützung, die ich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte erfahren habe. Aber ich denke auch daran, dass viele Aufgaben im Bistum Mainz und darüber hinaus noch vor uns liegen. Ich freue mich sehr, dass uns in der Vergangenheit so viel gelungen ist und hoffe noch einige Jahre an diesen bevorstehenden Aufgaben mitzuarbeiten und noch viel von meinem Wissen und meinen Erfahrungen weitergeben zu können. Das Leben ist ein wertvolles Geschenk und wir gehen hier nur eine kleine Wegstrecke. Daher ist es sehr wichtig, daß man die Welt nicht vergötzt und sie nicht zur idealen Wertvorstellung macht. Wer  den Versuchungen wie Macht, Faszination oder Einfluß auf andere, die auch Jesus am eigenen Leib erfahren hat, widersteht, kann die Erde und die Menschen viel mehr lieben und ist auch imstande, sie zu schonen und ein Stück weit auch zu verschonen.

Dieter J. Maier:

Welches Ereignis hat Sie in Ihrer langen Amtszeit besonders beeinduckt und geprägt?

Kardinal Lehmann:

Das beeindruckendste und schönste Erlebnis war für mich der Gewinn der deutschen Einheit. Ich habe vor dem Mauerfall durch viele Reisen in die damalige DDR erfahren, wie schwierig die Lebensbedingungen dort für die Menschen waren. Ich selbst unterlag auch noch der Sensur des damaligen Staatsapparats, denn nicht einmal ein Blatt Papier durfte ich für einen Vortrag dorthin mitnehmen. Dass dann die deutsche Einheit unblutig zustande kam, empfinde ich heute noch als ein regelrechtes Wunder. Da auch das alte Bistum Mainz bis tief in die damalige DDR hineinreichte, fühlen wir uns bis heute noch sehr stark mit den Bistümern im Osten Deutschlands eng verbunden.

Dieter J. Maier:

Haben Sie Ihre Aufgaben als Bischof von Mainz und als Vorsitzender der deutsche Bischofskonferenz auch manchmal als Belastung wahrgenommen?

Kardinal Lehmann:

Ich sehe mich als ein Glied in der Kette der Zeugen für das Evangelium Jesu Christi. Ich bin nicht nur Nachfolger des heiligen Bonifazius, sondern auch einer von über hundert Nachfolgern der Mainzer Bischöfe. Von daher wird man bei dieser langen Geschichte klein und demütig, auch aus der Gewissheit heraus, dass man in diesem Leben, wie ich schon sagte, nur eine kleine Wegstrecke gehen kann. Ich habe trotzdem immer versucht, allen Anforderungen die mein Amt mit sich gebracht hat, gerecht zu werden. Jede Zeit hat ihre sehr genauen Aufgaben und man muss sich jeden Tag mit Gottes Hilfe diesen Aufgaben stellen.

Dieter J. Maier:

Was möchten Sie zukünftig für die katholische Kirche noch erreichen?

Kardinal Lehmann:

Ich werde mich zukünftig noch stärker damit befassen, wie wir im Bistum Mainz und darüber hinaus die Substanz des Glaubens weiter aktualisieren können und die Menschen noch mehr dazu zu bewegen, sich mit dem Evangelium auseinander zu setzen. Nach meiner Einschätzung hat die Kirche im persönlichen Bereich, bei Ehe, Familie, Sexualität offensichtlich keine große Bedeutung mehr und auch die Zahl der Kirchenaustritte ist dramatisch gestiegen. Von daher müssen wir zweifellos in hohem Maße Vertrauen zurückgewinnen.

Dieter J. Maier:

Was wünschen Sie den katholischen und evangelischen Christen in aller Welt?

Kardinal Lehmann:
Ich wünsche allen Christen, dass wir diese eine Welt mehr und mehr als eine gemeinsame Welt für uns alle gewinnen, dass wir mit noch mehr Versöhnung und Frieden aufeinander zugehen und dass wir diese lange Friedenszeit, die wir seit 1945 haben, noch mehr zu schätzen wissen. Ich habe das in meiner Jugend anders erlebt und kann mich noch sehr genau an die Schreckensnächte in einigen Luftschutzbunkern erinnern. Die große Angst vor dem bevorstehenden Bombenhagel, wenn man nachts aus dem Schlaf gerissen wird und auch Angst davor hat, dass die Bunkertür durch herabstürzende Trümmer verrammelt sein könnte, verfolgt mich bis heute noch in manchen Träumen. Von daher können wir heute für diese lange Friedenszeit nicht dankbar genug sein.  Wenn man heute bedenkt, mit wie vielen Staaten Deutschland damals im Krieg stand und dass es danach gelungen ist, sich wieder in Freundschaft und gegenseitigem Respekt zu begegnen, das erfüllt mich schon mit großer Dankbarkeit.

Dieter J. Maier:

Eminenz, herzlichen Dank für das Gespräch.

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