Home > Kommentare, Politik, Zeitgeschichte > Gedenken zum 95 Jahrestag der Hölle von Verdun

Sieg oder Untergang

Gedenken zum 95 Jahrestag der Hölle von Verdun

21. Februar 2011

Verdun – der Name steht für die unbegreiflichen Schrecken und Grausamkeiten des Krieges, mittlerweile aber auch für Aussöhnung, Frieden und die deutsch-französische Freundschaft.  Heute, vor  genau 95 Jahren brach die Schlacht um Verdun aus, die bis jetzt  in vielen Büchern und Dokumentarfilmen thematisiert wurde. Die Schlachtfelder von Verdun tragen immer noch sichtbaren Narben des ersten Weltkriegs, auch wenn die Natur insbesondere im Frühling und Sommer sie bedeckt und schöner aussehen lässt.

Das Beinhaus zwischen Douaumont und Thiaumont. Das Mahnmal beherbergt die sterblichen Überreste von 130.000 nicht identifizierten Soldaten, die nach dem Krieg auf dem Schlachtfeld geborgen wurden. Der Turm, 46 m hoch, ist in der Form einer Granate erbaut, im Innern befinden sich auch ein Museum und ein Filmvorführraum.
Auf dem französischen Nationalfriedhof vor dem Beinhaus befinden sich Gräber mit 15000 identifizierten Gefallenen. Die Grabsteine haben verschiedende Formen, unterschieden je nach christlichen, muslimischen und jüdischen Gefallenen.

Foto und Beschreibung: Wolfgang Staudt

some rights reserved

Dieser umgewühlte und von den mehrfach schrecklichen und tödlichen Kämpfen gekennzeichnete Flecken Erde gibt dem durchwandernden Besucher auch nach über  9. Jahrzehnten noch die Gelegenheit, eine wahrhafte Geschichtsstunde am Ort der Geschehnisse zu erleben. Aber nicht nur die deutsche Geschichte wird hier lebendig und gegenwärtig. Die Orte der Erinnerung erlauben dem Besucher, die Fronten zu wechseln und den Krieg aus der französischen, der britischen und der russischen Perspektive zu erleben. Und schon hier wird deutlich, wie unterschiedlich die Kriegsparteien dieselben Ereignisse wahrnahmen. Der erste Weltkrieg wurde zur “Urkatastophe” des 20 Jahrhunderts und vor allem für die deutsche Seite hatte dieser Krieg fatale Auswirkungen: Auf eine politisch instabile Weimarer Republik folgte der Nationalsozialismus, folgten Hitler, der Holocaust und der zweite Weltkrieg. Am Ende war das deutsche Reich verspielt und das Land vierzig Jahre lang geteilt. Doch wie kam es zu diesem Krieg? Wo liegen seine tieferen Ursachen? Dieser Krieg ist keineswegs über die Menschheit hereingebrochen, er hatte eine Vorgeschichte.

Der erste Weltkrieg hatte mehrere Gründe: Einer der wichtigsten war, dass die europäischen Mächte um die Vorherrschaft nicht nur in Europa, sondern in der Welt kämpften. Deutschland suchte seinen Platz an der Sonne und wollte nach der deutschen Reichsgründung 1871 auch weltpolitisch präsent sein. Dies führte zum Widerstand nicht nur auf der englischen, sondern auch auf der französischen Seite. Russland hingegen verfocht die Theorie, des Panslawismus, also die Befreiung der slawischen Völker von der Herrschaft Österreich-Ungarn und der Türkei. Auf der französischen Seite stand auch noch der alte Konflikt zwischen Deutschland und Frankreich. Das Verhältnis der beiden Länder war durch die Besetzung von Elsaß-Lotringen so stark belastet, dass Politiker wie der damalige französische Staatspräsident Poincare, der immer im Sinn hatte, die Schmach des verlorenen Krieges von 1870/71 zu tilgen und Elsaß-Lotringen wieder in Besitz zu nehmen, im Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 ihre Chance sahen. Die pazifistischen Kräfte in Deutschland wie die Sozialdemokraten, die immer den Ausgleich im europäischen Sinne suchten, hatten damals keine Möglichkeiten ihre Ideen umzusetzen, besonders als auf der französischen Seite die Entscheidung fiel, Verdun mit allen Mitteln zu verteidigen. Die Entscheidung auf der französischen Seite, Verdun nicht aufzugeben und das Einpreschen der deutschen Streitkräfte, die dort immer wieder die Auseinandersetzung suchten, hat dann unzähligen unschuldigen Menschen das Leben gekostet. Der deutsche Kaiser Wilhelm der Zweite und Staatspräsident Poincare waren diejenigen, die immer wieder die innere Kraft, wenn nicht sogar die Sturheit aufbrachten, ständig so viele Menschen in den Tod zu schicken, nur um diese symbolische Stellung zu halten.

Am Morgen des 21.Februar 1916 war es zunächst ganz still. Dann, um 8 Uhr 12 deutscher Zeit lässt eine gewaltige Detonation die Landschaft erbeben. Dieser Schuss war das Signal für eine der größten Schlachten der Kriegsgeschichte, das Startsignal für einen Vernichtungszug gegen Menschen, wie es ihn nie zuvor gab. Das Prinzip diese Krieges war immer noch das alte: die systematische Auslöschung und Ausschaltung menschlicher Körper, am besten für immer. Die kämpfenden Soldaten waren diesen Angriffen gegenseitig vollkommen schutzlos ausgeliefert und nach blutigen Sturmangriffen bedeckte der treibende Schnee ihre zerschossenen Körper. Die Erde wurde durch Granaten umgepflügt und in wenigen Stunden und Tagen verschwanden dichte Wälder, Dörfer und Städte hören für immer auf zu existieren. Diese Schlacht, dieser Albtraum hat niemanden mehr verlassen, der diese Hölle erlebte. Einer der Überlebenden des Infernos, der Mühlenbaumeister Josef Wollscheidt aus dem saarländischen Niederlosheim berichtete später seiner Familie von grausamen Materialschlachten, wo in den wenigen Gefechtspausen an die kämpfenden Soldaten Tabakspfeifen ausgegeben wurden, um den Verwesungsgestank der vor den Schützengräben liegenden Gefallenen besser ertragen zu können. Am Ende des sinnlosen Gemetzels waren 750.000 junge Männer verletzt, verstümmelt oder tot.

Jener Albtraum von Tod und Verderben ist es, warum Verdun immer noch so schmerzhaft im Gedächtnis der Europäer geblieben ist, mehr als jeder andere Krieg. Es war ein gemeinsamer Massenmord wegen nichts und für die Deutschen war dieser Krieg der Auftakt und der zweite Weltkrieg das Ende eines zweiten “Dreißigjährigen Krieges.”

Quelle:
Dieter J. Maier

Druckansicht
Kommentare sind geschlossen