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Sprachbilder zum Anfassen

Buchvorstellung mit Literaturnobelpreisträger Günter Grass in Karlsruhe

gunter-grass-012Im Jahr 1838 erhielten die Sprachforscher Jacob und Wilhelm Grimm den ehrenvollen Auftrag, ein Wörterbuch in deutschen Sprache zu erstellen, für das sie sich selbst nur wenige Jahre Zeit gaben. In akribischer  Kleinarbeit erforschten sie Herkommen und Verwendung unzähliger Wörter und Silben, verzettelten sich oftmals gründlich, so dass sie am Ende ihres Lebens nur wenige Buchstaben bewältigten konnten. In seinem neuesten  Buch ” Grimms Wörter” erzählt nun Günter Grass  das Leben der Brüder Grimm auf seine einzigartige Weise als Liebeserklärung an die deutsche Sprache, obwohl sich wenige  hinzugefügte Pasagen in ihrem historischer Kontext  manchmal merkwürdig konturlos darstellen. Dabei muss man allerdings zugeben, dass gerade die ersten drei Kapitel, die sich wie die übrigen am Alphabet orientieren, durch ein ungezügeltes Sprachfeuerwerk  hin- und mitreißen.

Literaturnobelpreisträger Günter Grass absolviert nur wenige Lesungen außerhalb Lübeck.  Doch nur vier Tage nach seinem 84 Geburtstag las der Autor der Blechtrommel am vergangenen Mitwoch auf Einladung der literarischen Gesellschaft im Karlsruher Konzerthaus und durchstreife dabei die deutsche Geschichte seit der Fürstenherrschaft und den ersten Gehversuchen der Demokratie.  Doch so sehr sich der Autor selbst in seinem konklusionsreichen Werk mitunter mehr Nähe zu  den einzelnen “Charakteren” wünschte,  das dramatische Potensial blieb auch bei aller historischer Feinsinnigkeit gering:

Nachdem die berühmten „Göttinger Sieben“,  mit ihrer folgenreichen Erklärung  1837 dagegen protestierten, dass Ernst August, König von Hannover, die erst vier Jahre zuvor eingeführte Verfassung willkürlich außer Kraft setzte, widersetzten sich auch die Gebrüder Grimm, die sich  als Göttinger Professoren, geprägt durch ihren Amtseid noch immer dieser relativ liberalen Verfassung verhaftet fühlten. Nach dem Verlust ihre Ämter wurde Jacob  des Landes verwiesen und begab sich ins hessische Exil. Obwohl diese prekäre Situation beiden fast den Lebensmut raubte, nahmen sie nach einiger Zeit die Arbeit am „Deutschen Wörterbuch“ auf. Von hier aus lässt Grass vor allem eigene Geschichten mit einfließen und begibt sich selbst auf  Spurensuche.

Doch spätestens an dieser Stelle verliert Grass im Erzählton seine oftmals heitere Leichtigkeit und wird fast rigoros prolemisch, obwohl er lediglich eine Reihe von Selbstbetrachtungen abschließt, die er vor vier Jahren mit “Beim Häuten der Zwiebel” begonnen hatte und mit der Enthüllung enden ließ, dass er als personifiziertes  deutsches Gewissen als Jugendlicher zur  Waffen-SS eingezogen wurde. Derartige Drapierungen sind in seinem aktuellen Buch allerdings nicht zu erwarten. Grass selbst bezeichnet “Grimms Wörter”  als sein voraussichtlich letztes Buch, das in seiner  nachvollziehbaren Sprachbewunderung und unerschrockenen Ehrlichkeit nicht nur erstaunt, sondern vielleicht sogar manchen auch schockieren mag.

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Quelle, Film-und Fotoaufnahme: Dieter J. Maier

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