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"Die Oper ist immer ein spannendes Abbild der menschlichen Existenz"

Interview mit Star-Bariton Thomas Hampson

thomas-hampson-002Der amerikanische  Star-Bariton Thomas Hampson ist nicht nur aus musikalischer Sicht eine der interessantesten Persönlichkeiten der Klassikszene. Neben seiner außergewöhnlichen Bildung und großen Spannbreite an Interessen hat ihn  auch seine künstlerische Vielseitigkeit zu einem der führenden Sänger weltweit gemacht, dessen weitumspannendes Repertoire an Opernpartien von Mozart bis hin zu Puccini reicht. Anlässlich eines Gala-Abends am vergangenen Sonntag im Mannheimer Nationaltheater stellte sich Thomas Hampson den Fragen von Saar Report.

Sie bezeichnen Ihre musikalische Karriere selbst als persönlichen Glücksfall, da Sie ja mit Ihrem Studium der Politischen Wissenschaften zuerst die berufliche Laufbahn als Rechtsanwalt oder Diplomat einschlagen wollten. Aus welchem Grund haben Sie die Musik gewählt?
Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie und daher war Musik immer Teil meines Lebens, ich habe schon als Knabe im Chor gesungen und ein Instrument gespielt. Allerdings hätte ich damals nie zu träumen gewagt, dass mein Talent für ein erfolgreiches Berufsleben oder gar eine internationale Karriere ausreichen würde. Erst viel später wurde mir diese Welt durch die Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen eröffnet – als Student mit einer katholischen Nonne, Sister Marietta Coyle, und später mit Elisabeth Schwarzkopf und Horst Günther, bei denen ich studiert habe.
Die klassische Musik, vor allem die Oper, scheint heute wieder fast so populär wie zu Zeiten der Callas oder Carusos. Sehen Sie hierin eine Renaissance?
Die Oper ist und war immer ein spannendes Abbild der menschlichen Existenz und ihres Dilemmas. Sie ist in vielerlei Hinsicht die kompletteste Form der Musik, daher bleibt sie auch immer gültig. Dass das nicht nur Teil einer Geisteshaltung sonder sehr real ist, zeigen die hervorragenden Auslastungen zahlreicher Opernhäuser in der ganzen Welt. Ich denke auch, dass die Oper immer populär war, nur die mediale Aufmerksamkeit – und damit eine breitere Wahrnehmung einer Popularität –  für sie kommt in Wellen. Dafür braucht es geeignete Persönlichkeiten. Callas oder Caruso waren das in ihrer Zeit wie Pavarotti oder Freni danach oder wie es andere heute sind.
Ihr Repertoire umfasst Titel- und Hauptpartien aus Opern Mozarts, Verdis und Tschaikowskys ebenso wie aus Werken von Gluck, Wagner, Massenet oder Szymanowski. In wie weit werden sich zukünftig auch zeitgenössische Stücke an den großen Opernhäusern wie z.B. Metropolitan Opera auf Dauer durchsetzen?
thomas-hampson-001Was sich durchsetzt, ist von einer Generation schwierig zu beurteilen, da es dann, wenn es sich durchgesetzt hat, ja nicht mehr zeitgenössisch ist. Was sich daher „auf Dauer“ bewährt, werden unsere Kinder und Kindeskinder entscheiden. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass es die unabdingbare Pflicht jeder Gesellschaft ist, ihre kreativen Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Es gibt ein großes Interesse an zeitgenössischer Oper und hervorragende Komponisten. Für mich ist es immer eine Freude und Ehre zeitgenössische Werke aufführen zu dürfen, insbesondere wenn Komponisten wie Wolfgang Rihm, Friedrich Cerha, Matthias Pintscher, Richard Danielpour oder John Corigliano, etwas für mich persönlich schreiben.
Sie sind in den vergangenen 30 Jahre an allen großen Musikhäusern der Welt aufgetreten. Was hat sich in dieser Zeit Ihrer Meinung nach am stärksten verändert?
Manchmal denke ich, dass Karrieren wie meine heute fast nicht mehr möglich sind. Zum einen gibt es ein äußerst starkes Fachdenken – das gilt für Stimmen wie für Interpretationen –  zum anderen wird jungen Talenten in gewisser Weise weniger Zeit zum Reifen gegeben. Ich hatte über Jahrzehnte immer die Möglichkeit, Neues zu entdecken. Selbstverständlich haben auch Plattenfirmen früher breiter gefächerte Möglichkeiten innerhalb des Repertoires eröffnet. Das ist heute anders. Nichtdestotrotz bleiben es auch besondere Begegnungen, wie etwa  die heutige  wunderbare Zusammenarbeit mit Maestro Dan Ettinger, dem Generalmusikdirektor am Nationaltheater Mannheim, die mich auch jetzt überzeugen würden, denselben „Beruf“ zu wählen oder vielleicht eher der „Berufung“ zu folgen.
Mr. Hampson, herzlichen Dank für das Gespräch.

Quelle:
Dieter J. Maier

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