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" Mein Studium mit Yehudi Menuhin glich einer Wegweisung"

Interview mit dem britischen Stargeiger Nigel Kennedy

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Eines ist bei Stargeiger Nigel Kennedy immer absolut sicher: Langweilig wird es bei seinen Konzerten keine Sekunde. Jetzt ist er am 30. April mit seinem neuen Projekt „Bach meets Ellington“ im Rahmen der PRO ARTE KONZERTE im Mannheimer Rosengarten zu erleben. Zusammen mit seinem eigenen „Orchestra of Life“ und dem Kennedy-Quintett. Kennedy ist ein Musiker ohne Grenzen, der de Tempel der Hochkultur mit spannend-modernen und kreativen Interpretationen aufmischt, der zu Jazz und Klezmer den gleichen faszinierenden Zugang findet wie zu großen klassischen Meisterwerken. Dabei hat sein Spiel einen so umwerfenden Drive, verströmt so viel spontane, ansteckende Lust an der Musik, dass sofort klar wird, warum er zum Kultstar wurde. Seine spektakuläre Aufnahme von Vivaldis 4 Jahreszeiten kam als bestverkaufte Klassik-Platte aller Zeiten ins Guinness-Buch der Rekorde. Auch für seine anderen Einspielungen erhielt Kennedy zahllose Preise, etwa für die unübertroffene Aufnahme des Elgar-Konzertes mit Sir Simon Rattle. Seine brandaktuelle, bei EMI erschienene CD „SHHH!“ ist ein Gemeinschaftswerk seines Quintetts mit dem Sänger Boy George. Und soeben wurde beim gleichen Label aktuell zu seiner Tournée durch 17 deutsche Städte auch seine herausragende CD „Kennedy plays Bach“ mit den Berliner Philharmonikern neu aufgelegt. Wenn er jetzt live Johann Sebastian Bach mit Duke Ellington in eigenen Arrangements kombiniert, dann verspricht das Bach-Ellington- Programm Spannung, Genuss und schieres Hörvergnügen. In einem  exklusiven Interview sprach Nigel Kennedy schon vorab über sein neues Bach-Ellington-Projekt, seine erfolgreiche ” Kennedy Plays Bach” CD und über sein bizarrstes Konzerterelebnis.

Mr.Kennedy, Sie werden im April und Mai 2010 Ihr Bach-Ellington-Programm in 17 deutschen Städten präsentieren. Welche Parallelen gibt es zwischen Bach und Duke Ellington?

Nigel Kennedy:

Die Verbindung zwischen Ellington und Bach ist der ausgeprägte Reichtum an Harmonien der beiden Komponisten. Darin liegt deren jeweilige Stärke begründet. Ihre Art der Orchestrierung ist eine weitere Parallele. In deren Kompositionen gibt es kaum Dopplungen, weil sie die Platzierung der Klangfarbe eines Instruments exakt planten. Die Klarheit und Präzision in der Präsentation ihrer Musik fasziniert mich.

Aus gegebenem Anlass wird Ihre erfolgreiche CD Kennedy Plays Bach aus dem Jahr 2000 in einer Neuauflage wiederveröffentlicht. Welche Rolle spielt Bach in Ihrer Karriere?

Nigel Kennedy:

Eine enorm große Rolle! Mein Studium mit Yehudi Menuhin glich einer Wegweisung Richtung Bach, weil Menuhin einer der tonangebenden Violinisten in der Bach-Interpretation war. Er trug viel zur weltweiten Popularität der Solosonaten von Bach bei. Für mich besitzt Bach seither jedes Element großartiger Musikkunst – herausragende kompositorische Architektur, wunderschöne Melodien, starke Harmonien. Er wird immer ein Barock-Komponist bleiben, aber in meinen Augen überwindet sein Werk die Epochen, weil er Romantikern wie Chopin den Weg geebnet hat mit seinen Harmonien.

Bietet Bach Ihnen genügend Raum, um Nigel Kennedy sein zu können?

Nigel Kennedy:

Wenn er keinen Platz für Individualismus bieten würde, wäre sogar Bach ein langweiliger Komponist trotz aller Vorzüge seiner Musik. Glenn Goulds Bach-Interpretationen sind nach wie vor populär, weil sie zur Hälfte auf Bachs, zur anderen Hälfte auf sein Konto gehen. Bach bietet mir genügend Platz, um meine eigenen Emotionen ausdrücken zu können, was mein eigentlicher Beweggrund für die Kommunikation mittels Noten ist.

Viele Bassisten benennen Bach als Einfluss wegen seines rhythmischen Verständnisses..

Nigel Kennedy:

Davon besitzt er sicher eine ganze Menge, aber ich habe nicht den Kopf eines Bassisten. Ich bin mir nicht mal sicher, ob Bassisten überhaupt viel Gehirn besitzen! Nein, das war nur ein Scherz. Wie viel rhythmisches Verständnis in Bachs Musik liegt, zeigt sich während meiner kommenden Konzerte in Deutschland, weil ich sie sowohl mit dem Orchestra of Life als auch mit meinem Quintett bestreiten werde. In manchen Stücken wird das Quintett ein Teil des Orchesters, und weil es eher am Groove orientiert ist als das Orchester, tritt die rhythmische Finesse Bachs vielleicht ein Stück mehr in den Vordergrund.

Ist Ihr Bach-Ellington-Programm eine Reminiszenz an die Schnittmenge der beiden Komponisten oder eher eine Huldigung Ihrer eigenen Vieseitigkeit?

Nigel Kennedy:

Ich würde die Programmgestaltung keine Huldigung, sondern eher eine Fortsetzung meines Wegs als Musiker nennen. Schon als Student sah ich keine Notwendigkeit darin, mich entweder für die Klassik oder den Jazz entscheiden zu müssen und jetzt ergäbe die Selbstbeschränkung erst recht keinen Sinn mehr. Ich finde es idiotisch, wenn Musiker nicht ihr Potenzial nutzen, in dem sie sich auf ein Genre festlegen lassen. Ich mag Bach, Bartók, James Brown, Brahms, Hendrix, Ellington, Chopin, Barock und Swing. Entsprechend gestalte ich meine Konzertprogramme.

Welches war Ihr bislang bizarrstes Konzerterlebnis?

Nigel Kennedy:

Mein Brahms-Konzert für den britischen Botschafter in Washington. Eine Geigensaite riss, und meine Ersatzsaiten hatte ich im Hotel vergessen. Ich musste dem Publikum das frühe Ende des Konzerts mitteilen und blickte ausschließlich in glückliche Gesichter.

Was war Ihr schönstes Konzerterlebnis?

Nigel Kennedy:

Das erlebe ich immer, wenn ich den Kontakt zwischen meinem Publikum und dem Geist des Komponisten herstellen kann. Dann herrscht Magie im Konzerthaus.

Quelle;

Dieter J.Maier/ Saar Report u.

Reinhard Söll

MANNHEIM | Pro Arte Konzerte (Pro Arte Konzert GmbH)

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