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Dekadenz des schönen Scheins

Uraufführung von “Felix Krull” im Saarbrücker Staatstheater

Am 16.Januar wurde im Saarbrücker Staatstheater die langerwartete Premiere der “Bekenntnisse des Hochstabler  Felix Krull” von Thomas Mann in der neu bearbeiteten Inszenierung von Bernada Horres aufgeführt. Die Bühnenfassung, als Aufragsbearbeitung des saarländischen Staatstheaters kunstvoll in Szene gesetzt, konzerntierte sich bei Thomas Manns fiktivem Abenteuer- und Schelmenroman (der als  Hochstaplerroman geplant,  für Mann eine Parodie auf Goethes Autobiografie “Dichtung und Wahrheit” darstellte) vor allem auf die Individuation der einzelnen Charaktere bis hin zu deren vollständigen Psychagogik. Thomas Mann mit seinem eigenen, wie er selbst zugab, “etwas leichtsinnigen Buch, dessen Scherze man mir zugute halten mag” zu konfrontieren, schien auf den ersten Blick sichtlich gewagt und  stellte sich sowohl für Bernada Horres als auch für die Schauspieler des saarländischen Staatstheaters als eine außerordentliche Herausforderung heraus.

Doch der Versuch, durch äußere Formstrenge dennoch zur vollständigen Analyse des ohnehin schon an entscheidenden Stellen durch bürgerliche Spießigkeit und sprachliche Dekadenz eingezwengten Stoffes zu kommen, wurde im Laufe des zweiten Teils durch eine brillante, nahtlos übergehende, teilweise jedoch etwas zu lautstarke Sprachethik verstärkt. Was sich so Anfangs als scheinheilige Desorganisation moralischer Werte in Krulls Umfeld darstellte, gewann später noch mehr an moralischer und geistiger Kraft. Thomas Manns Schelmenstück  zeichnet sich durch eine Vielfalt von Aspekten aus. Dass dieser Roman in seiner Komplexität dennoch als Bühnenfassung realisiert und die Verbindungspunkte zwischen Roman und Theaterfassung überhaupt hergestellt werden konnte, ist nicht zuletzt Bernada Horres hervorragender Inszenierung zu verdanken.

Das Bühnenbild verhieß zunächst übermäßige Kühle und verifikationelle, auf die einzelnen Personen gezielte Lichtspiegelungen, die im Laufe des Stücks nach und nach in ein- und ausgeblendeten Szenen auslaufen sollten. Was sich in der Inszenierung am Anfang als Expromission darstellte, gewann im Laufe des Stücks immer mehr an treibender Kraft und konstruktiver Anordnung der handelnden Charaktere. Dieses für Thomas Manns Verhältnisse sehr leichtfüßige Spätwerk stand somit in deutlicher Tradition der Schelmenromane. Aus humorvoll-ironischer Distanz bewegte sich das kurzweilig gespielte Bühnenstück augenzwinkernd und amüsant durch ein von vielen heiteren bis absurd-grotesken Einfällen durchzogenes Panoptikum bürgerlicher Scheinexistenz, die ihre steife Biederkeit damit bezahlen muß, von einem protagonistischen Paradiesvogel an der Nase herumgeführt und entlarvt zu werden. Krull, aufgewachsen im lieblichen Rheingau und anfänglich sowohl verwöhnt durch den familiären Reichtum als auch durch angeborene Talente, wird  nach dem Bankrott der väterlichen Firma in die raue Wirklichkeit gestoßen. Weit entfernt davon, sich von diesem Schock aus der Bahn werfen zu lassen, nimmt der nun mittellose junge Mann die Herausforderungen des Lebens gelassen an: Felix begreift nun das Leben als Spiel, das man gewinnen kann, wenn man nur den Zufall, die Sehnsüchte und Ängste anderer Menschen für sich arbeiten  lässt. Im Laufe des Stücks gibt ihm der Erfolg mehr und mehr Recht. Alles, was Felix nun anfasst, wird zu Geld und nichts und niemand kann den phantastischen Glücksritter mehr aufhalten.

Die Parodie des schönen Scheins ist somit in ihrer leisen Komik zugleich eine Persiflage des narzißtischen und amoralischen Künstlers, dessen Erfolg sich einzig dadurch legitimiert, daß die Menschen gerne betrogen sein wollen. So ist etwa die  Szene, in der Felix  Krull, grandios dargestellt von Johannes Quester, sich bei der Musterung durch einen vorgetäuschten Anfall dem unliebsamen Wehrdienst entzieht, geradezu exemplarisch für eine  Welt, die, obwohl sie vermeindlich alles zu sehen glaubt, förmlich blauäugig danach schreit, am Ende doch noch betrogen und hintergangen zu sein. Die regelrecht episodisch angelegten Einspielungen von “Streichen” auf hohem Niveau boten den Zuschauern im Saarbrücker Staatstheater neben Kurzweiligkeit auch die Möglichkeit, sich in eine  Steigerung  der Amoralität und Gewissenlosigkeit einzulassen, deren eigener souverän-ironischen Stil auf unterhaltsame Weise zu bändigen ist. Am Ende haben die praktische Intelligenz, Skrupellosigkeit und die körperliche Schönheit endgültig den Sieg über das Wahre und Gute davongetragen.

Thomas Manns 1954 erschienener Schelmenroman gehört zu den populärsten Büchern des Autors, in dem der von Mann bewusst ausgewählte, mythologische Narziss und die Romanfigur Krull sich gleichermaßen, erfüllt von Eigenliebe und  Stolz, auf  ihre  beschiedene Schönheit verlassen. Die  Ästhetik des Körperlichen der beiden Charaktere bedingt, dass sich zahlreiche Menschen jedes Geschlechts in sie verlieben. Während der Narziss diese ihm entgegengebrachte Liebe jedoch herzlos zurückweist, was ihm ein isoliertes Schicksal und schließlich den Tod beschert, nimmt Krull zumindest erotische Avancen des Öfteren und mit Vergnügen an und begibt sich somit in eine andere, positivere Art der Isolation.

Quelle: Dieter J. Maier

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