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"Der Begriff des ewigen Eises sondiert sich langsam"

Interview mit Reinhold Messner

messner Fast jeder kennt ihn: Reinhold Messner – Gipfelstürmer und Grenzgänger aus Südtirol. Aufmerksamkeit, nicht nur unter Bergsteigern, erregte 1978 die bis dahin als unmöglich erachtete Besteigung des Mount Everest (8850 m) ohne künstlichen Sauerstoff. Aber auch andere Höchstleistungen, wie verschiedene Erstbegehungen, der erste Alleingang auf den Everest, die erste Achttausender-Doppelüberschreitung oder die erste Besteigung aller Achttausender dieser Erde, gehen auf ihn zurück. Mit Saar Report sprach der Extrembergsteiger in der Illinger Illypse im Rahmen seiner neuen Buchvorstellung über vollbrachte Höchstleistungen, u.a. am Mount Everest, bergsteigerische Fähigkeiten  und seine zahlreichen Reisen.

Dieter J. Maier:

Der CDU-Politiker Heiner Geisler sagte einmal über Sie, dass eine Ihrer herausragendsten Fähigkeiten die Kunst des Überlebens sei. Wie sehen Sie diese Aussage von Heiner Geisler persönlich?

Reinhold Messner:

Dieses Bekenntnis von Heiner Geisler über mich ehrt mich sehr. Herr Geisler ist selbst immer ein sehr passabler Bergsteiger gewesen und er weiß aus eigener Erfahrung, wie anstrengend es  ist, schwierige Routen zu schaffen und hohe Berge zu besteigen, ohne dabei umzukommen. Wenn ich heute zurückblicke und sehe, wie viele schon aus meiner Generation ihr Leben am Berg verloren haben, dann kann ich nur dankbar sein, all diese gefahrvollen Touren, die ich im Laufe meines Bergsteiger-Lebens gemacht habe, fast unbeschadet überstanden zu haben. Ich bin ein Leben lang in der glücklichen Lage gewesen, durch meine Leidenschaft, das Bergsteigen, weit hinauszugehen, durch die Antarktis, zum Mount Everest, durch die Wüste  Gobi, bis fast an das Ende der Welt.  Hier habe ich meine Erfahrungen gesammelt und fühle mich heute als der Stellvetreter für all jene, denen es aus Zeit- oder gesundheitlichen Gründen nicht gelungen ist, solche Reisen zu unternehmen. Ich erzähle auf meinen Vorträgen Geschichten aus meinem Leben und beschreibe darin die Welt, die ich auf meinen Touren vorgefunden habe, eine Welt und Natur, die sich dauernd und ständig verändert und verändern wird.

Dieter J. Maier:

Was fasziniert Sie bei Ihren Extremtouren durch Alaska, die Antarktis oder durch die Gletscher Ihrer Heimatberge am meisten?

Reinhold Messner:

Es kommt mir bei vielen Bergtouren, v.a. in der Antarktis oder auf tiefverschneiten Gletschern immer vor, als würde ich in der Eiszeit unterwegs sein. Die Dolomiten, meine Heimatberge, waren vor 20 bis 25 Tausend Jahren vom Eis bedeckt, nachdem sie vorher im Meer endstanden und durch die Kontinentalverschiebung in die Höhe gehoben wurden. Ich finde es selbst unglaublich, dass diese Berge vor 350 Mio Jahren tatsächlich im  Meer als Korallenriffe entstanden sind. In der Eiszeit waren diese Berge dann wieder vollständig von Eis bedeckt und zwar so stark, dass man über eine Eiskappe von den Dolomiten bis nach Venedig hätte  gehen können, wenn es Venedig damals schon gegeben hätte. Das ist aber nur ein Beispiel, wie stark diese Berge damals vereist und von Schnee vollständig bedeckt waren.Von daher ist es für mich als Bergsteiger und Grenzgänger immer wieder faszinierend, in das Buch der Erdgeschichte einzutreten und dort ganz andere zeitliche Dimensionen zu finden. Hunderte Millionen von Jahren, die im Vergleich zum Menschenleben zeitlich nicht mehr zu messen sind.

Dieter J. Maier:

Ist der Begriff des ewigen Eises auf Grund der globalen Erderwärmung heute noch zeitgemäß?

Reinhold Messner:

Der Begriff des ewigen Eises hat sich heute  langsam sondiert. Das Eis schmilzt besonders an den Gletschern und in der Antarktis, weil die globale Erwärmung überall ihre Folgen zeigt. Der Dolomit verbirgt allerdings noch eine ganz besondere Gefahr, denn im Sommer dringt Feuchtigkeit in die Felsritzen ein und sprengt diese Felsen, so dass man beim Klettern permanet aufpassen muss, nicht doch noch von einem Felsbrocken erschlagen zu werden. Vor kurzem erlebten wir diesbezüglich in meiner Heimat eine Katastrophensituation, weil z. T. riesige Trümmer aus den Wänden der Berge herausbrechen. Das hat einen besonderen Grund. Während der Eiszeit hat sich zwischen dem Fels in den Ritzen eine Art Kitt gebildet, der aus Lehm und gefrorenen Eiskristallen besteht. Wenn nun durch die globale Erwärmung dieser Kitt, der den Fels mit dem Hauptmassiv zusammenhält, verschwindet, dann brechen große Felsbrocken, oft so groß wie ein Wolkenkratzer, hinab ins Tal und begraben z.T. Dörfer und Städte, die wegen des anwachsenden Tourismus sehr nahe an die Berge heraungebaut sind. Es ist aber auch erfreulich zu wissen, dass sich kein Fels zum Klettern besser eignet als der Dolomit. Das liegt daran, dass der Dolomit eben in seinem Ursprung ein Korallenriff gewesen ist und somit viele Felsritzen und Spalten zum Festkrallen bietet und die Felskletterei ist nun einmal seit meiner Kindheit meine Leidenschaft.

Dieter J. Maier:

Wie kamen Sie dazu, sich von frühester Jugend an dem Bergsteigen bis hin zu Extremtouren hin zu widmen?

Reinhold Messner:

Ich bin in Südtirol nach dem zweiten Weltkrieg in  bescheidenen Verhältnissen aufgwachsen. In meinem Heimattal gab es weder einen Fußballplatz noch ein Schwimmbad. Aber irgendwie wollten wir Buben uns auch austoben und so sind wir auf Grund der nahen Berge zum Klettern gekommen. An den Felsmassiven, die für uns auf Grund der damals noch unvollständigen Ausrüstung gerade noch erreichbar waren, übten wir oft tagelang, bis sich unsere Technik auch ohne große Hilfsmittel verfeinert hatte. Dies war ein schönes, aber doch relativ gefährliches Spiel und so kam ich zu meiner ersten Leidenschaft, dem Felsklettern. Beim Felsklettern braucht man vor allem Geschicklichkeit, Gleichgewichtssinn und Konzentration. Wenn man große Felswände besteigen will, ist auch zunehmend Erfahrung notwendig, denn sonst bringt man sich schnell selbst in Gefahr. Die Natur ist jeden Tag anders und somit ist der Umgang mit ihr, v.a. für Kletterer und Extrem-Bergsteiger, sehr kompliziert. Wenn sich beispielsweise das Wetter schlagartig ändert, müssen wir uns als Bergsteiger natürlich schnell anpassen und das kann mitunter schwierig werden, wenn man nicht über ausreichend Erfahrung verfügt. Die Fehler macht nämlich immer nur der Mensch und nicht die Natur. Ich spüre beim Felsklettern in meinem ganzen Wesen immer, dass es gefährlich ist, was ich tue und von daher muss jeder Schritt und Tritt unter meiner Kontrolle bleiben und sehr überlegt sein. Ich habe gut zwanzig Jahre lang am Eis und in den Dolomiten geklettert und die Konzentration, die ich mir angeeignet habe, ist bei jedem Schritt größer geworden, so dass ich heute nicht nur über eine große Erfahrung verfüge, sondern auch über eine relativ große Sicherheit. Wer beim Felsklettern nicht hochkonzentriert ist, kommt nicht weit oder er stürzt ab. Man muss hierbei ganz genau schauen, in welche Felsritzen man seine Finger oder Schuhsohlen legt. Beim Felsklettern verschwimmt der ganze Mensch mit dem Fels und dem Berg während er hinaufsteigt und hierbei erreicht man einen Fließ- oder Schwebezustand, der in die höchsten Glücksgefühle versetzt. Durch dieses permanete Üben, durch Versuch-Irrtum-Erfolgserlebnis, ensteht ein Rythmus, der mich die Wand hochfließen lässt und Zeit und Raum aufhebt.

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Dieter J. Maier:

Her Messner, vielen Dank für das Gespräch

Anmerkung der Redaktion:

Saar Report dankt der Buchhandlung Kerpen in Illingen für die freundliche Unterstützung.

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