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" Das Saarland ist in vielem noch eine etwas verspätete Region"

Interview mit Rheinhard Klimmt

30. Juni 2009

Der Tag X  hat für das Saarland bis heute eine besondere geschichtliche Bedeutung. Infolge der Saarabstimmung wurde das Saarland am 1.Januar 1957 als 10. Bundesland politisch in die Bundesrepublik Deutschland eingegliedert. Die darauf folgende wirtschaftliche Eingliederung fand am 6.Juli 1959, dem sogenannten Tag X statt. An diesem Tag löste die Deutsche Mark den Franken als Währung ab und eine neue, bisher nicht gekannte wirtschaftliche Unabhängigkeit für das Saarland begann. Anlässlich dieses historisch bedeutsamen Ereignisses gab der ehemalige Bundesverkehrsminister im Kabinett Schröder und ehemalige saarländische Ministerpräsident Reinhard Klimmt gegenüber Saar Report ein exklusives Interview über den Tag X, die Stahlkrise und die Chancen des Saarlandes.

Dieter Jessayprofs.com. Maier:

Herr Klimmt, vielen Dank dass Sie sich für dieses Interview Zeit genommen haben.
In diesem Jahr jährt sich im  Saarland der Tag X zum 50 Mal. Wie haben Sie damals den Tag X  persönlich erlebt?

R. Klimmt:

Für mich war, als jemand der von auswärts kam, ich bin ursprünglich aus Berlin, der Tag X etwas, was gerade stattgefunden hatte, als ich das erste Mal ins Saarland gekommen bin. Ich war damals noch als Schüler auf der Durchreise nach Frankreich, kam in ein Land, dass für mich von einer großen, abenteuerlichen Aura versehen war, weil es diese deutlich französische Seite beinhaltete. Ich erlebte diesen Wandel, der sich ökonomisch vollzog,
in dem die politische Eingliederung 1957 erfolgt war und wo nun in der Nacht vom 05./06. Juli die wirtschaftliche Wiedereingliederung stattfand,  als Röder am Eichescheider Hof bei Homburg die Schranke hob und damit die Zollgrenze zu Deutschland fiel. Röder war derjenige, der den Triumph der Vollendung der Rückgliederung des Saarlandes symbolisch auskosten durfte.

Dieter J. Maier:

Welche Auswirkungen hat der Tag X heute noch auf das Saarland?

R. Klimmt:

Wir sind in vielen Dingen eine etwas verspätete Region, weil wir zur Bundesrepublik dazugestossen sind.
Das erkennt man vor allem in daran, dass es hier keine Bundeseinrichtungen gibt, denn die Institutionen des Bundes wurden breit über die Fläche  der Bundesrepublik bzw. der Bundesländer verstreut. Das Bundesverfassungsgericht befindet sich in Karlsruhe, das Bundesarchiv ist in Koblenz und so kann man weitere Institutionen aufreihen. Das
nächste war, dass sich in der Phase, wo eine ganze Reihe von Unternehmen, die in Berlin oder anderswo in Ostdeutschland waren, sich westdeutsche Sitze suchten und so hatte das Saarland wenig eigene große Unternehmen, außer dem Stahlfaktor. Villeroy und Boch war das einzige wirklich große, börsenorientierte Unternehmen, das weltweit operierte. Sowohl die verspätete politische als auch die ökonomische Eingliederung hinterlassen heute immer noch deutlich ihre Spuren, denn die wirtschaftliche  Strukturen entwickeln sich erst über längere Zeit.
Eine Investition, die man heute tätigt, entwickelt sich in einem Zeitraum von fünf bis zwanzig Jahren. Von daher leidet das Saarland in der Tat noch unter diesem verspäteten Anschluss an den Wirtschaftsraum der Bundesrepublik.

Dieter J. Maier:

Trotz der von vielen andreren Bundesländern zugesprochenen  Förderalismuskommission 2.  gab und gibt es immer wieder verstärkt Überlegungen, das Saarland an Rheinland Pfalz anzugliedern. Gab es auch ihrerseits diesbezüglich Überlegungen, oder sollte das Saarland weiterhin eigenständig bleiben?

R. Klimmt:

Zunächst ein eindeutiges Ja. Die Debatte ist nicht neu. Ich habe damals zu meiner Zeit als Ministerpräsident eine scherzhafte Formulierung verwandt, die der jetzige Ministerpräsident in variierter Form aufgegriffen hat. Ich sagte damals zu Rudolf Scharping, später auch zu Kurt Beck, dass ich mit einem Zusammenschluss der Länder einverstanden sei unter drei leicht zu erfüllenden Bedingungen: 1. das neue Gebilde heißt Saarland,  2. die Hauptstadt wird Saarbrücken und 3. Lafontaine oder Klimmt sind Ministerpräsident. Ich hatte auch noch eine zweite Variante: Wenn wir euch zu klein sind, dann macht uns doch größer. Wir nehmen gern den Unterlauf der Saar mit den Weingebieten. Das würde gut zu uns passen. Dies führte  dann doch dazu, dass das Thema gewechselt wurde. Ernsthaft gesehen geraten wir beim Zusammenschluss der Länder in eine ähnliche Randlage, wie das mit Trier der Fall ist. Mainz als Hauptstadt hat als Gegenüber Frankfurt. Hier denkt man nicht an eine grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, die notwendig wäre. Ein Zusammenschluss wäre für das Saarland nicht von Vorteil. Eine Zukunft für das Saarland kann man meiner Meinung nach nur mit einer grenzüberschreitenden Bildung einer neuen, europäischen Einheit mit den Städten Luxenburg-Trier-Kaiserslautern-Metz und Nancy suchen. Somit könnte man eine Stärkung der Region erreichen.

Dieter J. Maier:

Was schätzen Sie persönlich besonders am Saarland?

R. Klimmt:

Den größten Schatz, den es hier meiner Meinung nach zu hüten gilt, sind die Zeugen der industriellen Vergangenheit. Kohle, Stahl und  Eisen, Salz, Keramik und Glas gaben dieser Landschaft, den Städten und Dörfen Gesicht und Charakter. Was die Kathetrale in Metz mit ihrem einzigartigen Gewölbe, oder die Porta Nigra in Trier für die vergangenen Jahrhunderte darstellen, ist für das Industriezeitalter die Völklinger Hütte, die bekanntlich zum Weltkulturerben erklärt wurde. Ebenso gibt es im Saarland hunderte von Restaurants, viele Museen, renomierte Theater und Sportstadien.  Was allerdings fehlt, sind die Programme bzw. Programmierungen, die Leitfäden für Gäste, sowie die nötige Infrastruktur. Dennoch ist es mit der Einführung des Euro auch hier wirtschaftlich leichter geworden als vorher mit den unterschiedlichsten Währungen, die auch durch den Tag X endgültig aus der Geschichte des Saarlandes gestrichen wurden.

Dieter J. Maier:

Sie sind privat ein großer Bücherfreund und Sammler, mit einer Bibliothek von ca. 10.000 Bänden.
Sie schreiben aber auch selbst Bücher und sind schon lange mit Ulrich Wickert ( Tagesthemen) befreundet. Wie haben Sie Ulrich Wickert kennen gelernt?

R. Klimmt:

Ulrich Wickert kenne ich aus der Zeit, als er sich in den intellektuellen Zirkeln der SPD aufhielt. Nachdem er als Journalist tätig wurde, hat er dies reduziert. Er hat mich oft interviewt und wir merkten, wenn wir uns begegnet sind, dass wir beide die gemeinsame Liebe zu Frankreich haben und sowohl der Humor, als auch die Chemie zwischen uns stimmt. Wir lieben beide Bücher und unterstützen uns gegenseitig bei Buchpräsentationen. Diese Seelenverwandtschaft besteht zwischen uns seit vielen Jahren.

Dieter J. Maier:

Herr Klimmt, vielen Dank für das Gespräch.

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Categories: Zeitgeschichte
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