"Mein Kontakt zu Deutschland ist nie abgerissen"
Interview mit Ute Lemper
Auf der Bühne gibt sie sich gerne spröde, verrucht und unnahbar. Weltstar Ute Lemper, die am 15.Mai mit ihrem neuen Bühnenprogramm “Von Berlin zum Broadway” in Dillingen gastiert, hat sich nie gerne in Klischees pressen lassen und ging lieber, auch über Umwege, ihren eigenen, künstlerischen Weg. Für die Erfolge in den Musical-Rollen und als Interpretin von Kurt-Weill-Chansons wurde sie u.a. mit dem Pariser Theater Preis “Moliere” ausgezeichnet. International feierte sie weitere Erfolge und für die New York Times galt sie als “der heißeste deutsche Import seit dem deutschen Volkswagen”. In einem exklusiven Interview äußerte sich Ute Lemper gegenüber Saar Report zu ihrer emotionalen Beziehung zu Deutschland und ihrem neuen Bühnenprogramm.
Dieter J. Maier:
Frau Lemper, Sie haben sich seit Jahren mit viel Talent und Temperament als eigenständige Künstlerin weltweit etablieren können. Ihr besonderes, musikalisches Interesse gilt seit langem der Musik von Kurt Weill und den Musikinterpreten der Vor- und Nachkriegsjahre. Haben diese Werke heute noch das Potential zur modernen Musikerneuerung?
Ute Lemper:
Ich finde die musikalischen Interpretationen von Kurt Weill und Berthold Brecht bis heute wunderbar und zeitlos genial, besonders wenn man sich in Erinnerung ruft, unter welchen politischen und persönlichen Umständen Weill und Brecht damals ihre Werke geschrieben haben. Kurt Weill entstammte aus einem jüdischen Elternhaus und begann seine Karriere an der Hochschule für Musik in Berlin. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Deutschland floh er nach Paris, wo er im Auftrag des Theatre Champs Elisee ein Ballett mit Gesang und den Texten von Berthold Brecht komponierte. Besonders haben mich die Werke aus Weills letzter Schaffensperiode inspiriert, die eine Synthese aus europäischer Oper und amerikanischem Musical darstellen.
Dieter J. Maier:
Was hat Sie an den Texten von Berthold Brecht, inbesondere der Dreigroschen Oper, beeindruckt?
Ute Lemper:
Für mich ist die Auseinandersetzung mit dem Werk von Berthold Brecht immer eine große Herausforderung gewesen. Brecht gilt bis heute als einer der einflussreichsten und herausragensten Lyriker des 20. Jahrhunderts, der ebenso wie Kurt Weill 1933 vor den Nationalsozialisten fliehen musste. Seine Flucht führte ihn über Prag, Wien, Zürich und Dänemark bis in die USA. In den USA geriet er unter Verdacht, Mitglied einer kommunistischen Partei zu sein, weshalb er 1947 vom Komitee für unamerikanische Aktivitäten vorgeladen und verhört wurde. 1950 erhielten Brecht und Weill die österreichische Staatsbürgerschaft, im gleichen Monat verstarb Kurt Weill nach schwerer Krankheit in New York. Gerade solche Einzelschicksale haben mich persönlich immer sehr beschäftigt, weil Intellektuelle wie Brecht, Weill, aber auch Kurt Tucholsky, sehr stark unter der antisemitischen und antidemokratischen Weltanschauung der Nazis litten und wegen ihrer politischen und künstlerischen Haltung verfolgt und aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Ich kann mich persönlich sehr gut in diese Zeit hineinversetzen, denn als ich 1963 geboren wurde, war der zweite Weltkrieg gerade einmal 19 Jahre vorbei. Von daher sind die Lieder dieser Vor- und Nachkriegskünstler, die ich singe, immer auch ein Stück von mir selbst.
Dieter J. Maier:
Sie leben seit langem mit Ihrer Familie in den USA, sind beruflich aber oft in Europa auf Tournee. Haben Sie noch eine emotionale Beziehung zu Deutschland?
Ute Lemper:
Natürlich habe ich eine sehr große, emotionale Verbindung zu meiner deutschen Heimat, obwohl ich hier in New York mit meinem Mann und meinen Kindern beruflich und privat schon seit vielen Jahren Fuß gefasst habe. Trotzdem ist der Kontakt zu Deutschland nie abgerissen, auch oder gerade weil meine ganze Familie noch in Deutschland lebt. Allerdings fühle ich mich hier in den USA schon sehr zuhause, was ich jedoch etwas bedauere ist, dass es hier in New York nur einen Zeitschriftenladen mit deutschen Zeitungen gibt. In New York ist das Leben nicht gerade billig, wenn man eine fünfköpfige Familie hat. Dabei brauche ich für mich selbst keinen wirklichen Luxus, um glücklich zu sein. Über allem steht die Leidenschaft an meiner Arbeit und an meiner Musik. Ich bin stimmlich zur Zeit in Topform und werde so lange auf der Bühne stehen, wie es geht. Aber irgendwann werde ich auch hier Kompromisse schließen müssen.
Dieter J. Maier:
Ihr neues Bühnenprogramm, das Sie auch in Dillingen aufführen werden, heißt: “Von Berlin zum Broadway”. Ist dieser Titel auch ein Stück Ihres eigenen Lebenswegs?
Ute Lemper:
Im Prinzip schon. Die Songs der Weimarer Republik habe ich schon sehr früh für mich entdeckt und die französischen Chansons stehen in meinem Bühnenprogramm für meine Zeit in Paris. Sie spielen für mich eine genauso wichtige Rolle wie meine eigenen Kompositionen, die ich in Dillingen natürlich auch singen werde. Ich habe in meinem Bühnenprogramm eine große Spannbreite an Schlagern, Chansons und eigenem Liedern gezogen und wünsche mir sehr, dass ich meinem saarländischen Publikum damit einen unvergesslichen Abend bereiten kann. Dabei setze ich mir keine Maske auf, sondern zeige einen Teil meiner Erotik, meiner Sinnlichkeit und meiner Spiellust und bin mir meiner Ausstrahlung und positiven Energie durchaus bewusst. Privat liebe ich es aber durchaus auch Hausfrau und Mutter zu sein.
Dieter J. Maier:
Frau Lemper, vielen Dank für das Gespräch.
Die Redaktion Saar Report dankt Herrn Prof. Leonardy und dem Team der Musikfestspiele Saar für die freundliche Unterstützung.
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