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"Menschlichkeit und soziales Engagement sind für Unternehmer unverzichtbar"

Interview mit Wendelin und Brigitte von Boch

4. Februar 2009

wendelin-von-bochSeit über 260 Jahren steht das Unternehmen Villeroy und Boch, das seit seiner Gründung 1748 fast ausnahmslos von Mitgliedern der Familie von Boch geführt und geleitet wurde, für keramische Qualitätsprodukte mit Weltgeltung. Wendelin von Boch, der bis 2007 als Vorstandsvorsitzender die Geschicke des Konzerns mit großem Erfolg leitete, beschrieb jetzt in seinen Lebenserinnerungen “Globalisierung mit Tradition” seinen Weg an die Spitze des Unternehmens, das er durch grundlegende Veränderungen für die Herausforderungen der weltweiten Globalisierung fit gemacht hat. Neben seinem tatkräftigem, politischen Engagement für die saarländische Wirtschaft leitet der Vollblutunternehmer gemeinsam mit seiner Frau Brigitte das Gut Linsler Hof, das vor allem Brigitte von Boch mit Tatkraft, untrüglichem Geschmack und großem Fingerspitzengefühl für das Machbare zu einer Wellnessoase der Entspannung und gehobenen Gastronomie ausgebaut hat. In einem gemeinsamen Interview äußerten sich Wendelin und Brigitte von Boch gegenüber Saar Report u.a. zu ihren neu erschienenen Büchern “Globalisierung mit Tradition” und “Gartenvergnügen”

Dieter J. Maier:

Frau von Boch, in Ihrem Buch “Gartenvergnügen” beleuchten sie die verschiedenen Facetten der Gartenkultur. Aus welchem Grund haben Sie dieses Buch geschrieben?

Brigitte von Boch:

Ich habe dieses Buch aus verschiedenen Gründen geschrieben. Zum einen sehe ich einen Garten nicht nur als reine Nutzfläche, sondern auch als Wohnraum im Frühling, Sommer und Herbst. Dieser Wohnraum im Freien ist neu entdeckt worden. Gerade weil heute in den Städten ein enormer Platzmangel herrscht, ist der eigene Garten schon fast ein Luxusobjekt, in dem man sich erholen und entspannen kann. In England und Frankreich ist beispielsweise der Nutz- und Blumengarten schon seit Jahrhunderten fester Bestandteil des täglichen Lebens. In Deutschland waren seit dem Mittelalter vor allem die Schlossgärten bekannt. Der Garten, wie man ihn heute kennt, ist erst mit dem wirtschaftlichen Wohlstand Anfang des 20.Jahrhunderts entstanden und in den letzen Jahren hat man ihn als neuen Wohnraum entdeckt.

Dieter J. Maier:

Glauben Sie, dass man bei der Einrichtung eines eigenen Gartens in großen Dimensionen denken muss?

Brigitte von Boch:

Meiner Meinung nach ist es völlig falsch anzunehmen, dass der heimische Garten groß und weitläufig angelegt sein muss. Auch in einem kleinen Refugium oder auf einem Balkon lässt sich ein wunderbarer Ort zum Entspannen zaubern. Im eigenen Garten geht es vor allem um Farben und Gerüche. Man freut sich auf das erste Grün der Bäume und an der blühenden Pracht der Blumen, an den nützlichen Insekten wie Marienkäfern, Schmetterlingen, Bienen und an der Farbenpracht der Sträucher und Bäume. Der Garten ist wie eine Uhr, die uns den Kreislauf der Natur und des Jahres anzeigt und Balsam für die Seele ist. Genau aus diesem Grund ist jeder noch so kleine, begrünte Balkon eine Bereicherung für den Menschen. Der selbst geerntete Salat oder die Äpfel aus heimischen Garten sind das höchste, kulinarische Vergnügen. Ich persönlich finde einfach einen Apfelbaum wunderschön, denn er blüht im Frühling, erfreut mich im Sommer mit seinem satten Grün und trägt dann im Herbst die Früchte, die ich zusammen mit meinen Enkelkindern ernten kann.

Dieter J. Maier:

Herr von Boch, Sie stammen aus einer Familie, in der die Landwirtschaft immer eine bedeutende Rolle spielte. Sie sind selbst auf dem Linsler Hof aufgewachsen wo Ihr Vater Land- und Forstwirtschaft betrieben hat. Welche Bedeutung haben diese Wurzeln heute noch für Sie?

Wendelin von Boch:

Mein Vater war ein passionierter Land- und Forstwirt. Vom ihm habe ich nicht nur den Umgang mit den natürlichen Ressourcen gelernt, sondern auch den Begriff der Nachhaltigkeit, der ja von der Forstwirtschaft abgeleitet ist. Nur den Baum, den der Großvater gepflanzt hat, kann der Enkel ernten, d.h. Entscheidungen sind dann besonders gut, wenn sie auf eine langfristige, positive Wirkung angelegt sind. Aus meiner Sicht unterscheiden sich in diesem Punkt familiengeführte Unternehmen von anonymen, managergeführten Aktiengesellschaften. Familiengeführte Unternehmen, wie wir seit 260 Jahren, haben eine gute, langfristige Überlebenschance, weil sie in der Regel in Generationen denken und eben nicht im Extremfall nur die kurzfristigen Gewinnmaximen im Auge haben. Die Shareholder-Value-Diskussionen der vergangenen Jahre sind angesichts der Finanzkrise überholt. Das Thema der Nachhaltigkeit hat heute erfreulicherweise wieder einen hohen Stellenwert.

Dieter J. Maier:

Sie sind in Ihrem Buch “Globalisierung mit Tradition” in einigen Kapiteln sehr stark auf Ihren Ur-Urgroßvater Eugen von Boch eingegangen. In welcher Beziehung hat gerade dieser Vorfahre von Ihnen die Familie von Boch bis heute geprägt?

Wendelin von Boch:

Eugen von Boch ist für mich eine der interessantesten und wichtigsten Persönlichkeiten unserer Familiengeschichte. Sein Vater Francois Boch war schon neben dem Journalisten Johann Georg August Wirth und den Gebrüdern Grimm Parlamentarier in der Frankfurter Paulskirche. Dieses politische und demokratische Handeln seines Vaters hatte offensichtlich auf Eugen von Boch einen nachhaltigen Einfluss. Er führte in der Zeit, als sein Vater noch in Luxemburg lebte, hier in Mettlach dem Familienberieb und galt in unserer Familie als derjenige, der unseren Betrieb schon damals globalisierte. Ebenso war er ein begnadeter Land- und Forstwirt, der auch mit großem Erfolg Pferde züchtete und als erster hier im Saarland, das damals noch zu Preußen gehörte, Schweizer Rinderrassen züchtete, die hier prächtig gediehen. Zusammen mit seinem Schwager erfand er auf Schoss Fellenberg einen Pflug, der entscheidende Verbesserungen in der Landwirtschaft mit sich brachte. Er machte sich permanent Gedanken darüber, wie man im Saarland die Landwirtschaft verbessern und ausbauen kann, er gründete ein Krankenhaus, ließ Kinder- und Altenheime errichten und machte sich mit seiner sozialen Einstellung überall sehr beliebt. Auf Grund seiner großen Verdienste u.a. für die Einführung eines Rentensystems für Witwen und Waisen, wurde er vom preußischen König geadelt. Eugen von Boch wußte sehr genau, dass viele seiner Arbeiter auch Nebenerwerbslandwirte waren, die von dem Erfolg ihrer Ernten existenziell abhängig waren. Aus diesem Grund führte er damals eine Kasse ein, aus der die Bauern bei Missernten entschädigt wurden. Wegen seiner weitreichenden Denkweise, seiner großen Menschlichkeit und seines sozialen Engagements ist mein Ur-Urgroßvater Eugen von Boch für mich mithin der spannendste und wichtigste aller meiner Vorfahren.

Dieter J. Maier:

Frau von Boch, Sie stammen aus Rottach Egern am Tegernsee, wo Ihr Vater Bürgermeister war. War Ihre Kindheit und Jugend sehr durch das Landleben in den bayrischen Bergen geprägt?

Brigitte von Boch:

Ja sicher. Meine Kindheit verbrachte ich in einem wohlbehüteten, ländlichen Umfeld und genoss eine unglaublich schöne Kindheit am Tegernsee. Ich lebte bildlich gesprochen in diesem ” göttlichen Bett” der bayrischen Voralpen und dieses Umfeld hat mir für mein Leben eine große Kraft und Stärke mitgegeben. Mein Vater war ein sehr belesener, liberal eingestellter Mann, der mich unglaublich geprägt hat. Aus dieser behüteten Kindheit kommt meine Bodenständigkeit. Das Umfeld, das ich hier im Saarland vorfand, war Gott sei Dank nicht nur industriell, sondern auch stark ländlich geprägt und in dieser ländlichen Umgebung, vor allem auf dem Linsler Hof, habe ich seit meiner Heirat immer gut gefühlt.

Dieter J. Maier:

Herr von Boch, vor dem Hintergrund der Unternehmens- und Familiengeschichte schildern Sie in Ihrem Buch, wie Sie Villeroy & Boch veränderten. Was hat Ihr unternehmerisches Handeln als Vorstandsvorsitzender und leitendes Familienmitglied besonders geprägt?

Wendelin von Boch:

Die größte Herausforderung meiner 10 Jahre als Vorstandsvorsitzender war sicher die Veränderung unseres weitgehend deutsch-französischen Keramikunternehmens mit starkem Herstellerbezug zu einer internationalen, globalen Lifestyle-Marke.
Wir hatten im Jahr 1996 lediglich einen Auslandsanteil von 46%. Heute sind es fast 80%. Mit dem ganzheitlichen Angebot von Komplettbädern und dem komplett gedeckten Tisch werden wir heute nicht nur als qualitativ hochwertiger Keramikhersteller wahrgenommen, sondern wir gelten auch weltweit als die Lifestyle-Marke mit
europäischem Flair und großer Kompetenz für das Bad, den schön gedeckten Tisch und geschmackvolle Accessoires. Das Konzept des “House of Villeroy&Boch” hat sich durchgesetzt. Darüber hinaus haben unsere Mitarbeiter immer im Mittelpunkt unseres Interesses gestanden.

Dieter J. Maier:

Herr und Frau von Boch, ich bedanke mich sehr für dieses Gespräch.

Quelle:
Dieter J. Maier/ Bild: Dieter J. Maier

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