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"Die Globalisierung ist irreversibel"

Interview mit Wendelin von Boch

23. November 2008

Finanzkrisen, wie wir sie gerade in diesen Tagen erleben, sind größere Verwerfungen im Finanzsystem, die durch einen Rückgang der Vermögenspreise und die Zahlungsunfähigkeit zahlreicher Unternehmer der Finanzwirtschaft und anderer Branchen gekennzeichnet sind und die die ökonomische Aktivität in einem oder mehreren Ländern erheblich beeinträchtigen. Ob die gegenwärtig weltweite Finanzkrise auch Einfluss auf den deutschen Wirtschaftsmarkt haben wird und welche wirtschaftlichen Chancen sich jetzt auch für den deutschen Wirtschaftsmarkt bieten, darüber äußerte sich der frühere Vorstandsvorsitzende von Villeroy & Boch, Wendelin von Boch, in einem exklusiven Interview gegenüber Saar-Report.

Dieter J. Maier:

Die gegenwärtige Finanzkrise hat sich auf die internationale Wirtschaft sehr negativ ausgewirkt und das Vertrauen in das Management der Banken zutiefst erschüttert. Welche Auswirkungen hat die Banken- und Finanzkrise aus Ihrer Sicht für die deutsche Wirtschaft?

Wendelin von Boch:

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Foto: Dieter J. Maier

Wir haben gegenwärtig die schlimmste Finanzkrise seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Diese Krise wurde u.a. durch ein übertriebenes Investment-Banking und sogenannte Finanz-Innovationen ausgelöst. Eine große Gefahr besteht jetzt darin, dass diese Finanzkrise auch auf die Real-Wirtschaft übergreifen wird, was gerade in der deutschen Automobilindustie schon deutlich spürbar wurde. Es ist auch nahezu sicher, dass es nicht nur in Deutschland eine Rezession geben wird. Wie lange diese allerdings andauert und welche genauen Folgen sie haben wird ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht absehbar. Vor kurzem haben die Wirtschaftsweisen prognostiziert, dass es in 2009 zu einer Rezession kommen wird zwischen 0,2 – 0,8 %. Diese Prognose ist natürlich alles andere als erfreulich, aber sie setzt in der Wirtschaft trotz allem wieder einen Wandel in Gang, dem man sich auf keinem Fall verschließen sollte.

Dieter J. Maier:

Die soziale Marktwirtschaft steht seit dem zweiten Weltkrieg für das deutsche Wirtschaftswunder. Welche Auswirkungen hat die soziale Marktwirtschaft heute noch für die deutsche Wirtschaft?

Wendelin von Boch:

Die soziale Marktwirtschaft setzte nach dem verlorenen Krieg 1945 in Deutschland einen unglaublichen Wirtschaftsboom in Gang, von dem wir heute noch profitieren. Ich persönlich war schon immer ein großer Verfechter der sozialen Marktwirtschaft. Wenn diese aber nicht auf Nachhaltigkeit und ethischen Prinzipien basiert, dann sind in der Regel solche Finanzkrisen, wie wir sie gerade erleben, geradezu vorbestimmt. Es ist für mich auch unglaublich zu sehen, wie unser Erdball in den vergangenen Jahrzehnten zusammengewachsen ist. In wenigen Minuten und Sekunden verlaufen Informationen 24 Stunden am Tag rund um den Globus. Alles ist aufs Engste vernetzt, was wir gerade auch in der jetzigen Finanzkrise schmerzlich erlebt haben. Was in Amerika auf dem Finanzmarkt passiert ist, wurde wie ein Schneeball nach Europa zurück geworfen und verbreitete sich dann lawinenartig auf den ganzen Globus aus. Die Globalisierung ist irreversibel und ist nun wirklich auch im letzten Winkel der Erde angekommen.

Dieter J. Maier:

Ist die Globalisierung für die Weltwirtschaft eine Chance oder stellt sie eher eine Gefahr dar?

Wendelin von Boch:

Es ist eine Tatsache, dass die Globalisierung der Wirtschaft eine große Chance ist aber auch große Risiken birgt. Sie stellt jedoch auch die größte Herausforderung dar, die uns wirtschaftlich in diesem Jahrhundert begegnen und beschäftigen wird. Die Globalisierung kann aus einer betriebswirtschaftlichen und einer volkswirtschaftlich-politischen Sicht betrachtet werden. Die politisch-volkswirtschaftliche Sicht entscheidet letztendlich darüber, ob Wohlstand wirtschaftlich gesehen ankommt oder nicht. Bis zum Fall der Mauer in Berlin 1990 gab es eine ganz klare Aufteilung der Welt in Kapitalismus im Westen und in Sozialismus und Planwirtschaft im Osten Deutschlands. Mit dem Zusammenbruch des Sozialismus und der Kopie unserer marktwirtschaftlich-kapitalistischen Systeme durch den Osten, insbesondere in China, Russland und auch in Indien, hat sich dort eine enorme Wachstumsdynamik eingestellt, d.h. freies Unternehmertum statt staatlicher Kontrolle und bürokratischer Regulierungen. Dies Wachstumsdynamik hat in diesen Ländern Kräfte freigesetzt, die wir hier in Deutschland vor zwanzig Jahren noch nicht für möglich gehalten haben. Jetzt stellt sich die Frage, ob das schwache Wachstum, das wir hier in Europa in den vergangenen Jahren hatten, nicht doch mit dem zweistelligen Wachstum des Bruttosozialproduktes in Indien, China oder Russland in Verbindung steht. Unbestritten sind uns dort aber Wettbewerbe erwachsen, die mit niedrigstem Lohnniveau und mit neuester Technologie die Schere zwischen der klassischen Industrie und den Entwicklungsländern zum schließen bringt. Diese Entwicklung wurde vor allem gefördert durch die große Leistungsbereitschaft, mit der die Menschen in diesen Ländern sich den Traum vom besseren Leben erfüllen wollen.

Dieter J. Maier:

Wie sehen Sie die wirtschaftliche Zukunft in Deutschland für die kommenden Jahren?

Wendelin von Boch:

Wir betrachten ja gerne die Dinge um den Kirchenturm herum, d.h. wir beobachten sehr genau, was in der Region oder in unserem Bundesland geschieht. Wer sich aber mal bildlich gesprochen in die Vogelpersektive begibt, der wird bald nicht mehr einsehen, warum die Menschen im Westen frei und reich sein dürfen und die Menschen im Osten oder in der dritten Welt weiter arm und unterdrückt leben müssen. Es gibt in der Globalisierung wie überall Gewinner und Verlierer. Das rasante Wachstum im Osten führt ganz klar zu mehr Wohlstand und zu einem relativen Abstieg der klassischen Industrienationen. Wir müssen heute akzeptieren, dass der globale Wohlstand neu verteilt wird mit der negativen Folge, dass es zunehmend schwer fällt, die sozialen Sicherungssysteme im gewohnten Umfang aufzufangen. Es kommen also mehrere Komponenten zusammen die verhindern, dass wir das steile Wachstum der vergangenen Jahre so nicht mehr halten können. Die Globalisierung drückt die Löhne, v.a. im unqualifizierten Bereich. Doch bei hochtechnologischer Produktion und Dienstleistung mit einem Höchstmaß an Innovation und Bildung können nicht nur im Westen die schlechten Rahmenbedingungen überwunden werden. Wenn wir also richtig mit dieser wirtschaftlichen Situation umgehen wird es auch im Westen wieder deutlich mehr Gewinner geben und es ist eindeutig, dass Deutschland aus guten Gründen zu den Gewinnern der Globalisierung zählen wird.

Dieter J. Maier:

Herr von Boch, vielen Dank für das Gespräch.

Quelle:
Dieter J. Maier

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